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100 Tage Ukraine-Krieg: Die Berichte über sexuelle Gewalt nehmen zu

100 Tage Ukraine-Krieg: Die Berichte über sexuelle Gewalt nehmen zu

Grants und Administration Officer - Women for Women International Deutschland

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Contentwarnung: Der folgende Artikel enthält grafische Darstellungen von Vergewaltigungen und sexueller Gewalt.

Es ist nun genau 100 Tage her, seit die russische Invasion auf die Ukraine begonnen hat.

In etwas mehr als drei Monaten sind mehr als 6,8 Millionen Menschen (UNHCR) in die Nachbarländer geflohen und es gibt mehr als 8 Millionen Menschen sind Binnenvertriebene (UNHCR). Vom Norden bis zum Süden und vom Osten bis zum Westen der Ukraine leiden Frauen und Kinder am meisten unter diesem Krieg. Ich habe es vor zwei Monaten geschafft, die Ukraine zu verlassen und bin mit meiner Mutter und meinem Sohn nach Deutschland geflohen.  

Im Laufe der Geschichte und überall auf der Welt haben wir gesehen, dass Frauen bei Kriegsausbruch immer wieder von sexualisierter Gewalt als Kriegswaffe bedroht sind, insbesondere in Form von Vergewaltigung. Männer in Uniform wenden diese Art von Gewalt an, um die Bevölkerung einzuschüchtern, zu terrorisieren und zu unterdrücken. Und nun erlebe ich das Gleiche in der Ukraine. Zunehmend werden Frauen, kleine Mädchen und Jungen zur Zielscheibe von Soldaten, die sexualisierte Gewalt als Kriegstaktik einsetzen. Sie suchen sich die Schwächsten aus und versetzen ein ganzes Volk in Angst und Schrecken. 

Die Großmutter des Freundes meines Neffen wurde letzte Woche in den Vororten der besetzten Stadt Cherson vergewaltigt. Sie ist 70 Jahre alt - nur ein Jahr jünger als meine eigene Mutter. Es ist schwer, sich vorzustellen, welche Kreaturen zu solchen Taten fähig sind. 

Ich habe viele Geschichten wie diese gehört, aber für viele Betroffene ist es unmöglich, um Hilfe zu bitten und die Fälle zu dokumentieren. 

In Deutschland habe ich eine Anstellung im Berliner Büro von Women for Women International gefunden. Wir unterstützen Kriegsgeflüchtete, die nach Polen gekommen sind. In der vergangenen Woche habe ich mit verschiedenen Organisationen gesprochen, darunter auch mit unserem Partner Bereginia - dem Frauenverband von Mariupol. Sie haben über Fälle von sexuellen Übergriffen durch die russischen Streitkräfte berichtet. Dennoch wurden den Strafverfolgungsbehörden bisher nur sehr wenige Fälle von sexueller Gewalt gemeldet. Die Wohltätigkeitsorganisation Andreiev-Familienstiftung hat das Gleiche gesagt. Als wir mit der Stiftung sprachen, hatte sich bis dato noch keiner der Betroffenen sexualisierter Gewalt, mit denen die Organisation zusammenarbeitet, an die Strafverfolgungsbehörden gewandt. Viele der Überlebenden Zeit brauchen, um zu heilen, bevor sie sich äußern.  

Aber auch wenn diese Frauen noch nicht in der Lage sind, über ihr Traumata zu sprechen, kennen wir die Wahrheit über das, was geschieht, und wir dürfen nicht zulassen, dass ihre Erfahrungen ignoriert werden.

Mit jedem Tag nimmt die sexuelle Gewalt in der Ukraine zu. Die Überlebenden dieser Gewalt brauchen Unterstützung, und die Welt muss über diese Gräueltaten berichten und ihnen helfen, sich davon wieder zu erholen.

Und es gibt noch viele weitere Fälle. Welche, von denen ich nichts gehört habe, die nicht dokumentiert wurden und über die die Journalisten nicht berichten. Gestern traf ich Bereginia, eine der Partnerorganisationen von Women for Women International. Sie bestätigten die Fälle sexueller Gewalt, von denen ich gehört hatte. Sie arbeiten mit vielen Überlebenden sexueller Gewalt und bieten unzähligen Frauen wichtige psychologische Unterstützung. 

Die UN schätzt, dass auf jede angezeigte Vergewaltigung in einem Konfliktgebiet 10-20 Vergewaltigungen kommen, die nicht angezeigt werden. Das ist eine schockierende Statistik - aber jetzt, 100 Tage und viele erschütternde Geschehnisse seit dem Einmarsch der Russen, überrascht es mich nicht.

Women for Women International steht den vom Krieg in der Ukraine betroffenen Frauen zur Seite. Über unseren Conflict Response Fund arbeiten wir mit Partnern zusammen, um auf die dringenden Bedürfnisse von Frauen zu reagieren, die als Geflüchtete den Krieg überlebt haben und sich jetzt in Polen befinden. Außerdem haben wir zwei Organisationen ausfindig gemacht, mit denen wir vor Ort in der Ukraine zusammenarbeiten wollen, um Frauen zu helfen, die zu den über 8 Millionen Vertriebenen gehören und die sexuelle Gewalt überlebt haben, weil sie das Land nicht verlassen konnten.  

Alle Frauen in der Ukraine leben in Angst um ihr Leben, um ihre Familien und ihre finanzielle Stabilität. Durch die Unterstützung dieser Frauen trägt die internationale Gemeinschaft dazu bei, dass das ganze Land gegen die russische Aggression gewappnet ist. 

Diese Unterstützung ist sehr wichtig. Alle Nichtregierungsorganisationen, mit denen ich gesprochen habe, äußerten sich besorgt über die physische Sicherheit der Frauen sowie über den Mangel an Nahrungsmitteln, fließendem Wasser und Strom sowie an humanitären Korridoren zur Flucht aus den vorübergehend besetzten Gebieten. 

Die Frauen brauchen starke und nachhaltige psychologische Programme und Berufsausbildungen, um den neuen Anforderungen des Arbeitsmarktes gewachsen zu sein. Diese Frauen brauchen finanzielle Unterstützung, um zu überleben. 

Über die Autorin

Olena Behnke ist eine ukrainische Frau, die vor zwei Monaten mit ihrer 71-jährigen Mutter und ihrem 12-jährigen Sohn nach Berlin geflohen ist. In Deutschland hat sie eine Stelle bei Women for Women International als Grants and Administration Officer in unserem Büro in Berlin gefunden. Olena arbeitet eng mit unserer Schwesterorganisation Žene za Žene International in Bosnien und Herzegowina zusammen und betreut von Berlin aus unsere Hilfsleistungen zur Unterstützung von geflüchteten Frauen, die vor dem Krieg in der Ukraine nach Polen geflohen sind.  

 

Redaktionelle Anmerkung: Dieser Blogpost wurde geändert, nachdem der ukrainischen Menschenrechtsbeauftragten Ljudmyla Denissowa vorgeworfen wurden, Fälle von Vergewaltigungen durch russische Soldaten erfunden zu haben (Stand: 01.07.2022).

 

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Während Millionen Menschen in der Ukraine gezwungen sind, aus ihrer Heimat zu fliehen, dürfen wir nicht die Menschen in Ländern wie Afghanistan, Südsudan und Irak vergessen, die ebenfalls mit den Auswirkungen des Krieges zu kämpfen haben. Erfahre in diesem Blogpost, wie der Krieg in der Ukraine zum weltweiten Hunger beiträgt und Millionen Menschen an den Rand des Verhungerns bringt.


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Zwei Monate nach dem Ausbruch des Kriegs in der Ukraine sind mehr als 11 Millionen Menschen aus ihren Häusern geflohen. 90% der fast 5 Millionen Menschen, die in den Nachbarländern Zuflucht suchen, sind Frauen und Kinder, da die meisten Männer zur Verteidigung eingezogen wurden. In diesem Blogpost geben wir dir ein Update zu unserer Arbeit in der Ukraine und stellen dir unsere erste Partnerorganisation Bereginia vor.

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