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BILDUNG: DAS EINZIGE MITTEL FÜR DIE FREIHEIT DER ROHINGYA-FRAUEN IM RAKHINE-STAAT

Maria Begum ist Ärztin und arbeitet als Programmkoordinatorin für das Center for Social Integrity (CSI), unseren lokalen Partner in Myanmar. Als Rohingya-Frau erzählt sie, wie die Macht der Bildung heranwachsende Mädchen beeinflussen kann.

Bildung ist das mächtigste Werkzeug, um unabhängig zu sein. Für mich persönlich war Bildung die einzige Quelle der Macht, da ich als Mädchen einer Randgruppe in Myanmar angehörte. Ich wurde in einer Rohingya-Familie in Yangon geboren. Während meiner gesamten Kindheit war ich mir der Verfolgung der Rohingya durch das Militärregime nicht bewusst. Als ich 18 Jahre alt war, waren meine Eltern sehr besorgt über meinen Antrag auf eine nationale Registrierungskarte. Meine Eltern haben nie eine Universität besucht, aber sie betrachten Bildung als das Einzige, was sie ihren Kindern geben können, um eine bessere Zukunft zu haben. Meine Eltern haben es geschafft, uns eine nationale Registrierungskarte zu besorgen, die ähnlich wie ein Personalausweis in anderen Ländern ist und uns als Bengali ausweist. 

Natürlich war mein Vater unglücklich, weil wir dadurch unsere Rohingya-Identität verloren - zumindest auf dem Papier. Er sagte jedoch, dass wir dies akzeptieren müssten, da wir es für unser Studium an der Universität brauchten. Nach meinem Medizinstudium war ich fast drei Jahre lang als Regierungsärztin in Konfliktgebieten tätig. Als meine Mutter verstarb, musste ich 2011 damit aufhören. Durch die Arbeit in diesen Gebieten wurde mir das Leid der ethnischen Minderheiten, insbesondere von Frauen und Kindern, bewusst. 

Im Jahr 2012, nachdem durch einen gewaltsamen Konflikt im Bundesstaat Rakhine Hunderte von Menschen getötet wurden, wurde ich zur feministischen Aktivistin. Ich erkannte, dass das Leiden von Männern und Frauen in Konflikten nicht dasselbe ist. Ich lernte die Situation und die Diskriminierung der Frauen in Myanmar kennen, besonders derer, die ethnischen Minderheiten angehören, und sah die Ungleichheiten zwischen verschiedenen Gruppen aufgrund von Geschlecht, Klasse, Religion und ethnischer Zugehörigkeit. Ich begann, mit Frauenorganisationen wie dem Women Peace Network zusammenzuarbeiten, und wurde im Rahmen einer vom UNDP angebotenen Ausbildung zur Gender-Trainerin.  

Maria Begum verteilt lebenswichtige Ausstattung an Rohingya-Frauen.
Maria Begum verteilt lebenswichtige Ausstattung an Rohingya-Frauen.

Obwohl ich in einer patriarchalischen Familie aufgewachsen bin, bietet mir das Leben in Yangon deutlich mehr Freiheit als den Rohingya-Frauen im Rakhine-Staat. Dort kann es sich die Mehrheit der Rohingya-Familien aufgrund von Diskriminierung, schlechten Transportmöglichkeiten, Bewegungseinschränkungen, Unsicherheit und Armut nicht leisten, ihre Kinder auf eine höhere Schule zu schicken. Die meisten Mädchen werden verheiratet, bevor sie 18 Jahre alt sind, und haben keine Chance, eine weiterführende Schule oder gar eine Mittelschule zu besuchen. Viele Rohingya erhalten nur eine religiöse Ausbildung, da sie keine anderen Möglichkeiten haben. 

Patriarchalische Traditionen erschweren das Leben von Mädchen. Die Rolle der Frau wird in unserer Gemeinschaft als Hausfrau und Mutter definiert. Meistens haben Mädchen nach der Pubertät keine Chance zu studieren, was sie in jedem Aspekt ihres Lebens verwundbar macht. Ich habe in Australien einen Master-Abschluss gemacht und bin selbst in mehrere Länder gereist. Das Einzige, was mir Selbstvertrauen und Unabhängigkeit gibt, ist die Bildung, die ich erlangt habe. Deshalb möchte ich, dass alle Frauen im Rakhine-Staat diese Möglichkeiten erhalten. Aus diesem Grund arbeite ich bei einer lokalen NRO in Myanmar, wo ich informelle Bildungsprogramme für heranwachsende Mädchen und Frauen im Bundesstaat Rakhine durchführe. Zusätzlich zu unserem Bildungsangebot stärkt unsere Organisation, CSI, den sozialen Zusammenhalt, um Toleranz und Frieden zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen im Bundesstaat Rakhine zu fördern. 

Die von Women for Women International erhaltenen Mittel sind für uns sehr wichtig, damit wir weiterhin informelle Bildungsmöglichkeiten für heranwachsende Mädchen im Bundesstaat Rakhine anbieten können. Um Mädchen wirklich zu stärken und die Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen, beziehen wir nicht nur die Geschlechterperspektive in unsere Programme ein, sondern bieten auch Bildungsprogramme für Jugendliche und Frauen sowie Schulungen zum Thema Frauenrechte in unseren anderen Projekten an.  Bei der Durchführung von Bildungsprojekten stoßen wir auf viele der oben beschriebenen Hindernisse, die Mädchen davon abhalten, an unseren Programmen teilzunehmen. Mangelnde Bildung ist nicht nur die eigentliche Ursache für die Gefährdung von Frauen, sondern auch ein Symptom für die Unterdrückung und Diskriminierung von Frauen in unserer Gesellschaft. In unseren Bildungsprogrammen stellen wir daher sicher, dass unser Lehrplan nicht nur grundlegende Bildungsfähigkeiten, sondern auch Lebenskompetenzen wie Gesundheitswissen, kritisches Denken, sexuelle Aufklärung, Gleichstellung der Geschlechter, Stärkung der Rolle der Frau und weibliche Führungsqualitäten umfasst. Es ist sehr wichtig, den Teilnehmerinnen die Mittel an die Hand zu geben, um für ihre Rechte einzustehen und selbst Entscheidungen treffen zu können. 

Rohingya-Mädchen erhalten durch CSI Unterricht und erlernen wichtige Fähigkeiten
Rohingya-Mädchen erhalten durch CSI Unterricht und erlernen wichtige Fähigkeiten

Bei meiner Arbeit im nördlichen Rakhine-Staat habe ich viele großartige Beispiele gesehen, wie Jugendliche durch unser Programm zur Förderung von Führungskräften gestärkt wurden. Sowohl junge Männer als auch Frauen haben Veränderungen bewirkt, als sie die Möglichkeit hatten, zu lernen und zu arbeiten. Ich bin überzeugt, dass das von Women for Women International finanzierte Bildungsprojekt für Jugendliche ähnliche Ergebnisse bringen wird. Um das Leben junger Frauen und Männer weiterhin zu verändern, brauchen wir die Unterstützung unserer Partner. Mit zusätzlichen Mitteln könnten wir zum Beispiel die Hochschulausbildung junger Frauen aus dem Bundesstaat Rakhine unterstützen. Wir suchen auch Partnerschaften mit lokalen und regionalen Frauengruppen, um zusammenzuarbeiten und gemeinsame Strategien zu entwickeln. 

Dieses Beispiel zeigt, wie das Zusammenbringen von Partnern aus verschiedenen Bereichen eine große positive Wirkung auf das Leben benachteiligter Gruppen haben kann. In meinem Fall arbeitet eine lokale Feministin mit einer NRO und ihrem Team, mit Gemeindearbeiter*innen und einem internationalen Geber wie Women for Women International zusammen, um Mädchen und Frauen den Zugang zu Bildung zu ermöglichen, der ihnen sonst verwehrt geblieben wäre. Stell dir vor, was noch alles möglich ist, wenn wir uns zusammentun.  

Von: Maria Begum 

 

Der Name der Autorin wurde geändert. 

Fotos: © Center for Social Integrity 

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