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DIE WELT: „Ich habe noch nie Burka getragen, ich kann darin kaum laufen“

Samira aus unserem Afghanistan-Team spricht mit der Zeitung "Die Welt" über die Frauenrechtseinschränkungen in Afghanistan, nachdem die defacto Regierung ein neues Gesetz eingeführt hat, das alle Frauen und Mädchen zum Tragen der Burka zwingt.

Dieser Artikel wurde ursprünglich von Louise Bryant bei "Die Welt" veröffentlicht. Das gesamte Interview kannst du hier nachlesen.

In Afghanistan müssen Frauen in der Öffentlichkeit künftig Burka tragen. Versprachen die Taliban noch bei der erneuten Machtübernahme 2021 eine moderate Regierung, werden nun immer mehr Freiheiten für Frauen beschnitten.  

Sie kann nicht mehr frei reisen und muss Burka tragen. Im Interview erzählt eine 33 Jahre alte Afghanin, wie sich das Leben seit der Machtübernahme der Taliban verschlechtert hat – für sie, ihre drei jüngeren Schwestern und viele andere Frauen.  

Bei ihrer Machtübernahme im August 2021 hatten die Taliban noch erklärt, dass sie Frauenrechte respektieren wollen. Doch davon ist nicht viel zu bemerken, erst Mitte Mai wurde die Burka-Pflicht wieder eingeführt. Auch Samira, die eigentlich anders heißt, muss sich nun – mit Ausnahme der Augen – verhüllen. Die 33-Jährige lebt und arbeitet in Kabul, seit 2015 ist sie bei der Organisation Women for Women International angestellt, die von Kriegen und Krisen gezeichneten Frauen dabei hilft, sich eine neue Existenz aufzubauen. Das Prinzip: Mit Patenschaften für 29 Euro im Monat kann man das Leben einer „Sister“ in Afghanistan, aber zum Beispiel auch im Irak oder in Ruanda verändern, indem man ihr ein einjähriges Schulungsprogramm ermöglicht. 

Samira koordiniert bei Women for Women International die Ausbilder. In ihrer Familie ist sie die Alleinverdienerin, gemeinsam mit drei Schwestern und vier Brüdern lebt sie bei ihren Eltern. Am Telefon sprach sie mit uns darüber, wie sich der Alltag für sie und andere Frauen in Afghanistan verändert hat, seitdem die Taliban herrschen.  

ICONIST: Die Taliban sind seit neun Monaten wieder an der Macht. Wie ist es Ihnen seither ergangen? 

Samira: Alles hat sich verändert. Ich erinnere mich an den Tag der Machtübernahme: Es war 10.30 Uhr am Morgen, ich war im Büro. Plötzlich hörten wir, dass die Taliban das Zentrum von Kabul eingenommen haben. Wir gingen alle sofort nach Hause. Danach begann eine schwierige Zeit, die Taliban haben auch unser Büro besetzt. Das war angsteinflößend, ich und viele meiner Kolleginnen mussten danach ständig unseren Aufenthaltsort wechseln, damit die Taliban uns nicht finden können. Aktuell verlassen wir alle das Haus nur, wenn es absolut notwendig ist – ich zum Beispiel, um ins Büro zu gehen. Meine Eltern lassen mich abgesehen davon eh kaum vor die Tür, sie haben Angst um mich, weil ich für eine NGO arbeite. Man kann sagen: Im Moment atmen wir nur, wir leben nicht. 

ICONIST: Was heißt das? 

Samira: Die Menschen in Afghanistan befinden sich mitten in einer wirtschaftlichen und humanitären Krise. Die Arbeitslosigkeit hat dramatisch zugenommen. Manche Frauen arbeiten gar nicht mehr. Vielleicht, weil sie Angst davor haben, ermordet oder entführt zu werden, in anderen Fällen erlauben es ihre Familien wohl nicht mehr. Oder die Taliban erlaubt ihnen nicht, ihre Büros zu nutzen. Viele Menschen wollen Afghanistan verlassen, sie sehen hier keine Zukunft. Alle sind müde, alle sind hungrig, alle kämpfen ums Überleben. 

Die Taliban haben die unabhängige Menschenrechtskommission des Landes aufgelöst.

ICONIST: Sie haben schon die Lage der Frauen angesprochen. Wie steht es in Ihren Augen um ihre Rechte? 

Samira: Die Taliban haben den Frauen jede Macht genommen. Sie haben neue Beschränkungen eingeführt. Wenn eine Frau weiter als 72 Kilometer reisen möchte, muss sie ein Mann begleiten. Manche Frauen dürfen ihre Berufe in der Regierung nicht mehr ausführen. Frauen können öffentlich keinen Sport mehr treiben. Ich höre oft, dass Frauen und Mädchen in Angst leben, dass sie Angst um ihre Zukunft haben. Viele haben psychische Probleme. Mir ging und geht es nicht anders. Als die Taliban wieder an die Macht kamen, habe ich andauernd geweint, ich habe kaum noch gesprochen. An manchen Tagen wollte ich nur schlafen. An anderen nur still dasitzen. Ich fühlte mich hoffnungslos, hilflos. Es gab Zeiten, in denen ich vier oder fünf Nächte nacheinander gar nicht schlafen konnte und dachte, dass ich verrückt werde. 

ICONIST: Eine der neuesten Regeln der Taliban: Frauen müssen in der Öffentlichkeit Burka tragen. 

Samira: Ja, wir müssen den Körper vom Kopf bis zu den Zehen komplett verhüllen, es gibt lediglich eine Öffnung für die Augen. Ich habe wie viele andere Angst, dass die Taliban langsam all jene Einschränkungen für Frauen wiedereinführen, die vor 20 Jahren galten. Ich habe noch nie Burka getragen, ich kann darin kaum laufen. Ich habe es so oft probiert, aber ich falle ständig hin. Aber die Taliban sagen, wer keine Burka trägt, dessen Familie kann ins Gefängnis kommen – oder die Frau selbst darf ihren Beruf nicht mehr ausüben. 

 

 

Es handelt sich lediglich um einen Ausschnitt des Artikels auf "Die Welt". Lies hier den gesamten Artikel. 

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