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Author Clarissa Ward
CNN-Kriegskorrespondenin & WfWI Ambassador
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FÜNF TIPPS AUS DEM LEBEN EINER KRIEGSREPORTERIN

Höre den Frauen zu

Eine Frau zu sein, ist das größte Kapital für mich als Kriegsreporterin, da in meinem Arbeitsumfeld oft 50% der Bevölkerung für meine männlichen Reporterkollegen unzugänglich sind. Frauen sind der Klebstoff der Gemeinschaft. Sie haben eine ganz andere Perspektive auf den Krieg, auf die Politik und auf das Leben. 

Ich erinnere mich an eine Zeit in Aleppo, als überall um uns herum Bomben fielen. Zuerst saß ich mit den Männern in einem Raum, und sie alle rauchten und stritten laut miteinander über die Weltpolitik – aber niemand sprach über den Beschuss oder gab zu, dass sie Angst hatten. Dann ging ich mit den Frauen in den Raum nebenan, und es war ganz anders: Die Angst und die Realität, dass wir sterben könnten, wurde völlig akzeptiert. Es fühlte sich so viel authentischer und befreiender an, sagen zu können: Wow, das ist beängstigend, und es gibt nicht viel, was wir im Moment tun können, außer diesen Moment der Sisterhood zu nutzen und hier beisammen zu sein. 

Es gibt in der Medienlandschaft immer noch eine allgegenwärtige Frauenfeindlichkeit, die so weit geht, dass wir diesen menschlichen Aspekt nicht im Fernsehen zeigen wollen; er wird nicht als "real news" angesehen. Mir wurde gesagt, es sei "kitschig", "zu emotional" - oder viele andere Worte, mit denen sich Frauen klein oder minderwertig fühlen. Ich bin anderer Meinung; natürlich brauchen wir die Fakten, aber diese gemeinsame Menschlichkeit ist ein unglaublich wichtiger Teil der Geschichte.

Unsere Ambassadors

Die Ambassadors von Women for Women International spielen eine wichtige Rolle dabei, Frauen, die einen Krieg überlebt haben, dabei zu helfen ihr Leben wiederaufzubauen. Sie nutzen ihre Plattform, um die Stimmen der Frauen, die wie unterstützen, zu erheben und andere auf die Probleme, mit denen sie konfrontiert werden, aufmerksam zu machen.

Suche nach Authentizität und Wahrheit, nicht nach Neutralität

Traditionell sollten wir als Journalisten neutrale Schlichter am Rande des Geschehens sein - aber zunehmend wächst die Einsicht, dass das nicht realistisch ist. Die Nachrichten waren nie neutral. Was bisher als „neutrale Berichterstattung“ bezeichnet wurde, war in Wirklichkeit nur das vorherrschende Denken weißer Männer aus der Mittelschicht, die uns sagen: So ist die Welt nun einmal.

Christiane Amanpour spricht über die Idee, "authentisch, nicht neutral" zu sein - ich denke, das ist ein wirklich hilfreiches Mantra für Journalisten. Es bedeutet nicht, dass man die Fakten ignorieren oder dass ich Aktivistin statt Journalistin werden sollte - es gibt immer noch Parameter, innerhalb derer wir arbeiten müssen. Aber es ist gut, dass wir jetzt akzeptieren können, dass wir eine größere Vielfalt von Stimmen haben, die Geschichten erzählen, und dass jeder etwas von sich selbst mitbringt, wenn er von dem Erlebten berichtet. 

Ich empfehle auch, mehrere Nachrichtenquellen zu nutzen, um einen Eindruck von der Vielfalt der herrschenden Meinung zu bekommen.

Syrien hat mir das Herz gebrochen, und es war der erste Konflikt, bei dem ich wirklich diese Spannung zwischen großartiger Arbeit, die hoffentlich Veränderungen bewirkt, und meiner beruflichen Verantwortung als Journalistin gespürt habe.

Finde ein Gleichgewicht

Ich habe über die Jahre gelernt, dass man ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Beruf finden muss – speziell als Journalistin. Man braucht Pausen, man braucht Raum, man braucht ein normales Leben.

Ich habe ein unglaublich schlechtes Gewissen, wenn ich mich amüsiere, wenn ich doch gleichzeitig weiß, was in der Welt geschieht. Aber man muss in der Lage sein, Freude ohne Schuldgefühle anzunehmen, das Privileg anzuerkennen, nicht in einer Konfliktzone zu leben, und Liebe, Freunde und Familie wertzuschätzen - was immer dir Freude macht.

Das wird dir Halt geben und dir erlauben, langfristig weiterzuarbeiten.

Betrachte sowohl das Gute als auch das Schlechte

Ich glaube grundsätzlich sowohl an das Gute als auch an das Böse. Wenn man diese Arbeit macht, sieht man das Schlimmste der Menschheit, aber auch das Beste. Ich hatte als Journalistin das Privileg, die Stärke, Widerstandsfähigkeit und Großzügigkeit des menschlichen Geistes unter den schrecklichsten Umständen zu erleben - es ist über jeden Glauben hinaus inspirierend.

Wenn du die Nachrichten im Fernsehen siehst, ist das, was du siehst, nur ein Bruchteil der Geschichte. Du siehst nicht, was hinter der Kamera geschieht - die unzähligen kleinen Taten der Freundlichkeit, die Menschen, die mich in ihre Häuser brachten und mir zu essen gaben, die ihr Leben riskierten, um mich aufzunehmen, damit ich ihre Geschichten erzählen konnte. 

Halte die Hoffnung am Leben, indem du bescheidene, realistische Ziele verfolgst

Wie kann ich hoffnungsvoll bleiben, wenn ich über so viel Leid in der Welt berichte?

Ich habe ein besseres Verständnis dafür entwickelt, was möglich und realistisch ist. Anstatt auf ein Ende aller Konflikte und allen Leidens zu hoffen - was wahrscheinlich nicht geschehen wird – setze ich mir bescheidenere Ziele, auf die ich meine Hoffnung setzen kann. Das ist es, worum es mir geht. Ich hoffe, dass, wenn ich diese eine Geschichte wirklich gut schreibe, fünf Menschen tief im Innern bewegt sein werden - sie könnten dann vielleicht einer Wohltätigkeitsorganisation etwas Geld spenden, einen Brief an ihren Abgeordneten schreiben oder sich einfach nur um Syrien kümmern, was sie vorher noch nie getan haben. Wenn du deine Ziele im Rahmen des Machbaren hältst, dann behältst du auch die Hoffnung.

Nach dem Tod von Ruth Bader Ginsberg wurde mir eines ihrer Zitate zugetragen, welches mich sehr beeindruckt hat: "Wirklicher Wandel, dauerhafter Wandel, geschieht Schritt für Schritt". Wenn man das versteht, ist das ein transformativer Moment. Es hebt dieses beklemmende Gefühl "Ich kann keinen Unterschied machen, da ich das System nicht verändern kann" komplett auf.

Setze dir demütigere Ziele, bleibe realistisch und behalte bei alldem den grundlegenden Glauben, dass Menschen schöne Dinge tun können und werden.