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Ich bin Hassana.

Hassana, eine Teilnehmerin aus Nigeria erzählt ihre Geschichte von Not und Hoffnung

Der Einfluss der Krise ließ mich für viele Jahre frustriert und traumatisiert zurück. Wir haben fast alles verloren – unseren Viehbestand, die Ernte und vieles mehr.

Flucht vor Boko Haram

Mein Name ist Hassana, ich bin eine 38-jährige Frau und komme aus Borno, Nigeria. Ich bin das letzte verbliebene Kind einer Familie mit 8 Kindern. Meine Mutter hat sieben Kinder und die zweite Frau meines Vaters ebenfalls ein Kind. Ich habe nur eine islamische Ausbildung und meine Eltern verheirateten mich im Alter von 15 Jahren mit einem Mann, von dem ich seitdem in vollster Weise abhängig war, was die Versorgung anging.

Ich bin die erste Frau meines Mannes und Mutter von acht Kindern. Wir alle leben mit meinem Mann und seiner zweiten Ehefrau in einem Haus.

Mit meinem Mann und meinen Kindern lebte ich für viele Jahre in Borno, bis vor sieben Jahren der Boko Haram Aufstand ausbrach und wir in das Heimatdorf meines Mannes, dem Bundesstaat Bauchi zurückkehrten. 

Während der Krise in Borno habe ich meine ältere Schwester verloren. Sie war mit einem Mann verheiratet, der für Boko Haram gekämpft hat. Eines Tages, zerrten angeschlagene und verärgerte Dorfbewohner meine Schwester aus ihrem Haus und brachten sie zu einem unbekannten Ort. Seitdem habe ich nie wieder etwas von ihr gehört.

Hassana, bevor sie sich für das Women for Women International Programm anmeldete. Foto: Women for Women International
Hassana, bevor sie sich für das Women for Women International Programm anmeldete. Foto: Women for Women International

Der Einfluss der Krise ließ mich frustriert und traumatisiert für viele Jahre zurück. Wir haben fast alles verloren – unseren Viehbestand, die Ernte und vieles mehr. 

Wir zogen mit Unterstützung der Regierung in den Bundesstaat Bauchi, doch das Leben wurde unüberwindbar ohne jegliche Ressourcen auf die sich aufbauen ließ. Während dieser schwierigen Zeit der Not musste ich manchmal bei Nachbarn betteln und auf Farmen arbeiten, um meine Familie ernähren zu können.

Nach einiger Zeit bekam mein Mann von seiner Familie ein Stück Land, das er nutzte, um darauf Reis und Mais für unseren täglichen Bedarf anzubauen. Es hat meinen Mann fast zwei Jahre gekostet, um wieder auf eigenen Beinen zu stehen.  

Das Leben unter einem Dach mit der zweiten Frau meines Mannes war ein schwieriges Unterfangen. Sie nutzte jede Gelegenheit, um sich über meine Kinder zu beschweren und mich niederzumachen, während mein Mann mir lediglich dazu riet, Ruhe zu bewahren.

Ich hatte große Schwierigkeiten, finanziell über die Runden zu kommen. Ich fror regelmäßig Erdnüsse ein und gab sie meinen Kindern zum Verkaufen mit, da mein Ehemann mir nicht erlaubte, das Haus zu verlassen.

An diesen Tagen, wenn meine Kinder helfen mussten, das Geld für die Familie zu verdienen, konnten sie nicht die Schule besuchen. Und obwohl mein Mann für gewöhnlich etwas zum Essen nach Hause brachte, gab es nur wenig bis nichts an Zutaten, die ich der Mahlzeit hinzufügen konnte. Daher nutzte ich das eingebrachte Geld meiner Kinder, um Reinigungsmittel und Gewürze oder andere Zutaten für das Essen zu kaufen. Zusätzlich zum Verkauf der Nüsse, verringerte die Tatsache, dass meine Kinder nicht die notwendigen Bücher und Materialien für ein angemessenes Lernen in der Schule besaßen, ihren Lernprozess.

Aufgrund unserer finanziellen Lage und mit der Erlaubnis meines Mannes fing ich an zu lernen, wie ich Taschen und Bettbezüge selbst nähen konnte, um etwas zur Bildung meiner Kinder beitragen zu können.

Doch leider verfügte ich über kein Startkapital für meine angedachte Geschäftsidee. Mein Bruder, der meine finanzielle Situation kannte, gab mir Geld, um eine Nähmaschine zu kaufen. Die Nähmaschine nutzte ich, um alte Kleidung zu flicken und verdiente damit zwischen 500 bis 600 Naira pro Monat, was ein immenser Schritt nach vorne für meine Familie und mich bedeutete. 

Hassana – 6 Monate im Women for Women International Programm angemeldet. Foto: Women for Women International
Hassana – 6 Monate im Women for Women International Programm angemeldet. Foto: Women for Women International

Dem Women for Women International Programm beizutreten, war ein großer Segen für mich und hat mich völlig verändert.

Der Beitritt zum einjährigen Women for Women International Programm

Als der Leiter meiner Gemeinde uns Frauen eines Tages versammeln ließ, erfuhr ich von Women for Women International. Mein Mann gab mir und seiner zweiten Frau die Erlaubnis, über das Programm von Women for Women International mehr zu erfahren. Ich zeigte Interesse an diesem Programm und glücklicherweise war die Anmeldung erfolgreich.

Dem Women for Women International Programm beizutreten, war ein großer Segen für mich und hat mich völlig verändert.

Die Macht der Schwesternschaft

Vor der Teilnahme am Programm von Women for Women International verbrachte abgesehen von der zweiten Frau meines Mannes nicht viel Zeit mit anderen Frauen, doch seit meinem Beitritt verstehe ich die Macht und den Mehrwert davon, wenn Frauen sich zusammenschließen und zusammenarbeiten. Der Zusammenhalt der Frauen hat meine Perspektive völlig verändert: Alleine kann ich nicht viel erreichen, aber zusammen sind wir stark und können vieles mit Leichtigkeit erreichen. 

Wirtschaftliche Unabhängigkeit

Mit diesem Wissen entschied ich mich dafür, einer Spargruppe beizutreten, in der jede Frau monatlich einzahlen kann und die gesamte Summe wird mit einer 5%-Verzinsung auf diejenigen aufgeteilt, die es in ihr Geschäft investieren möchten. Dies hat vielen von unserer Gruppe geholfen, Startkapital für ein neues Geschäft aufzubringen und anderen, ihr Geschäft zu erweitern. 

Als ich aufwuchs, hatte ich nie die Gelegenheit die Schule zu besuchen und ich wusste, wenn ich erfolgreich in meinem Geschäft sein möchte, muss ich wenigstens Grundkenntnisse in Mathe besitzen. Deshalb besuchte ich eine Klasse, um Rechenkenntnisse zu erlernen, sowie das Schreiben, Addieren, Multiplizieren und Subtrahieren. Ich kann nun die Zahlen von 1 bis 100 schreiben.

Das bedeutet mir wirklich viel, da ich Stück für Stück immer mehr Bildung erlange. Außerdem haben sich meine Geschäftsfähigkeiten sehr verbessert durch das in Anspruch genommene Training. Jetzt kann ich selbstsicher alle Ausgaben kalkulieren, bevor ich die Preise bestimme, um so ganz einfach mit dem aktuellen Marktpreis der verwendeten Materialien meinen Gewinn zu errechnen. Dies war eine weitere Hürde, die ich erfolgreich gemeistert habe, um meinen Traum von der Selbstständigkeit wahrwerden zu lassen. 

Mit der Erlaubnis meines Ehemannes sparte ich drei Monate die Einnahmen des Programms und einen Lohn meiner Spargruppe, um das Nähgeschäft von Bettlaken, Taschen und Geldbörsen zu beginnen. Innerhalb von zwei Monaten nähte und verkaufte ich über acht Bettlaken und zehn Taschen und Geldbörsen.

Mein Geschäft wuchs rasant mit einer guten Buchführung über meine Verkäufe. Meine Tochter half für gewöhnlich, die Namen der Kunden aufzuschreiben, die auf Kredit einkauften und die Namen der Kunden abzuhaken, die sofort bezahlten. Die Erfahrung lehrte mich, nicht jedem der fragt, den Einkauf auf Kredit zu gewähren, sondern nur vertrauenswürdigen Kunden, die nicht in Zahlungsverzug geraten würden. 

Es war eine wertvolle Erfahrung, zu lernen, wie ich Kunden gewinnen kann und konkurrenzfähig bleibe, durch guten Kundenservice, faire Preise und Mehrwert meiner Produkte, um die Aufmerksamkeit potenzieller Kunden zu erlangen. Falls ich mich in der Zukunft dazu entscheiden sollte, mein Geschäft zu erweitern, verfüge ich nun über das geeignete Wissen darüber, wo ich einen Kredit beantragen kann, z.B. bei Banken, Spargruppen, Freunden oder Verwandten. Auch ist mir jetzt bewusst, dass ich vor Aufnahme eines Darlehens über die Bedingungen, die mit diesem verknüpft sind, Bescheid wissen muss, um abzusehen, ob es dem Wachstum meines Geschäfts hilft. 

Gesunde Familie

Meine Familie hat ebenfalls in großem Ausmaß von meinem Lernprozess profitiert und waren Zeugen meiner täglichen Fortschritte. Ich versuche, die sanitären Anlagen in Stand zu halten, indem ich die Abflüsse reinige und säubere den Rasen um das Haus herum, was dazu verholfen hat, die Mücken und Fliegen im Haus auf erhebliche Weise zu reduzieren. Ich habe mir die Gewohnheit angeeignet, darauf zu achten, dass meine Familie zusätzlich zu der ausgewogenen Ernährung, die ich für sie vorbereite, mehr Gemüse, Früchte und Wasser zu sich nimmt. Ein Beispiel hierfür ist, dass ich Sojabohnen und Erdnüsse zu ihrem „Akamu“ - ein fermentierter Getreidepudding, den wir essen - hinzugebe, sodass wir nicht ausschließlich Kohlenhydrate zu uns nehmen. Nun sind meine Kinder gesünder und zufriedener als jemals zuvor.

Einfluss von COVID-19

Seit Hassana ihre Geschichte geteilt hat, läuft unser persönliches Training schrittweise wieder in Nigeria an, nun angepasst an die Maßnahmen der räumlichen Trennung und weiteren Sicherheitsvorkehrungen. Erfahre mehr über unsere COVID-19 Richtlinien.

Da die Trainings aufgrund des Ausbruchs von Corona in Nigeria vorerst gestoppt wurden, vermisse ich es zutiefst zu den Kursen gehen zu können, da das Programm das Beste ist, was mir je passiert ist. Es fühlte sich an, als würde ich die Universität besuchen, aber natürlich verstehe ich auch, dass es nötig ist das Programm für unsere eigene Sicherheit und um der Verbreitung des Virus entgegenwirken zu können, zu pausieren. 

Ich bin besonders dankbar für die Achtsamkeitstrainings, die unser Trainer mit uns durchgeführt hat, z.B. zu Präventionsmaßnahmen von COVID-19 und Techniken, wie man sich richtig die Hände wäscht.

Unsere Klassenzimmer mögen jetzt etwas anders aussehen - mit Abstandsregeln, Gesichtsmasken und Handwaschstationen zum Schutz unserer Programmteilnehmerinnen und Trainerinnen - aber die unterstützende Gruppenatmosphäre ist dieselbe, und sie erweist sich als wichtiger denn je.
Es gibt Hunderte von Frauen, die darauf warten, sich für unser einjähriges Trainingsprogramm anzumelden. Melde dich noch heute an und gib einer Frau die Chance, ihr Leben zu verändern.

Die schnelle und weltweite Ausbreitung von Covid-19 hat mich negativ beeinflusst und löste eine unsagbare Angst in mir aus. Als ich von Corona-Fällen in meinem Staat hörte, vergrößerte sich meine Angst. Auf einmal fing ich an zu husten und ich hatte starkes Kopfweh, während sich meine Gedanken überschlugen, dass ich mich möglicherweise infiziert haben könnte, als mir einfiel, dass das Virus ganz einfach von Person zu Person übertragen werden kann. Es folgten viele schlaflose Nächte, in denen ich weinte und mich darum sorgte, womöglich meine Familie angesteckt zu haben. Aber Gott sei Dank ging es mir bald besser und einige Zeit später, war ich völlig von den fiebrigen Symptomen genesen. 

Die aktuelle Situation hat ebenfalls mein Einkommen negativ beeinflusst. Der Verkauf von gefrorenen Erdnüssen stagniert vollständig, da meine Stammkundschaft fehlt, was besonders davon abhängig ist, dass die Schulen geschlossen wurden. Auch kommt keine Kundschaft mehr, die ihre Kleidung geflickt haben möchte, da aktuell alles zum Stillstehen gekommen ist. Ich habe keine neuen Bettlaken, Handtaschen oder Geldbörsen mehr genäht, da ich nicht zum Markt gegangen bin, um neue Materialien zu kaufen.  

Es ist mir aktuell nicht möglich, die Produkte zu verkaufen, die ich zu Hause hergestellt habe, weil ich mich an die Maßnahmen zur räumlichen Trennung halte und meine Familie und mich nicht in Gefahr bringen möchte.

Ich befolge die Anweisungen und Tipps der Trainer, indem ich regelmäßig meine Hände mit Seife und sauberem Wasser wasche. Auch versuche ich so wenig wie möglich meine Augen, meine Nase und meinen Mund anzufassen, aber manchmal vergesse ich daran zu denken.

Meine Kinder und ich haben Menschenansammlungen wie sie auf Marktplätzen, bei Krankenhausaufenthalten, Hochzeiten oder Taufzeremonien zu finden sind, gemieden. Allerdings ist die größte Herausforderung, dass mein Ehemann sich nicht an die Sicherheitsmaßnahmen hält. Jedes Mal wenn ich ihn an die Wichtigkeit dieser Maßnahmen erinnere, fängt er an, mit mir zu diskutieren oder unterbricht mich und wirft mir vor, dass ich nicht auf Gott vertrauen würde, dass er uns beschützt oder seine Verantwortung auf mich nehme.

Ich habe auch Probleme damit, dies meinen Freunden zu vermitteln. Eine Freundin rief mich vor kurzer Zeit an, um mir ihr Missfallen darüber auszudrücken, dass ich nicht bei der Taufzeremonie ihres neugeborenen Kindes dabei war. Ich habe versucht ihr zu erklären, wie gefährlich es aktuell sein kann, Menschen in das eigene Haus einzuladen und zu bewirten, aber sie wollte davon nichts hören und hat seitdem keine Anrufe mehr von mir angenommen. Ich hoffe, dass sie eines Tages meine aufrichtigen Absichten für ihre und meine Sicherheit verstehen wird.

In meinen Gebeten bitte ich Gott darum, all das Unglück von uns fernzuhalten und unser Land von dem Virus zu heilen, sodass wir alle wieder unsere Kurse besuchen können. Ich bete außerdem dafür, dass sich eines Tages andere Frauen meiner Gemeinde für das Programm von Women for Women International anmelden können, um ebenfalls so einen Wandel zu erleben, wie ich es tat.