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Wir sind kongolesische Frauen, und wir sind Anführerinnen

Audry Shematsi, WfWI-Landesdirektorin in der Demokratischen Republik Kongo, berichtet von ihren Erfahrungen und Herausforderungen im Kampf um Geschlechtergerechtigkeit in ihrem Heimatland.

Ich habe das Privileg, eine Aktivistin zu sein. Durch meine Arbeit habe ich das große Glück, Frauen in vielen Ländern Afrikas, wie zum Beispiel Südafrika, Zimbabwe, Sambia, Kenia und Südsudan, zu unterstützen. Ich treffe großartige weibliche Führungskräfte aus aller Welt und lasse mich von ihnen inspirieren. Und doch bin ich eine Frau, die in der Demokratischen Republik Kongo geboren wurde, die hier aufgewachsen ist und studiert hat. Genau in dieser Position kann ich mich an alle kongolesischen Frauen richten und sagen:

Ich bin eine kongolesische Frau. Ich bin eine Mutter. Ich habe einen Mann. Ich habe mich durch schwierige und manchmal gefährliche Situationen gearbeitet. Und heute bin ich eine Anführerin.

Audry Shematsi, Landesdirektorin bei Women for Women International - Demokratische Republik Kongo
Audry Shematsi, Landesdirektorin bei Women for Women International - Demokratische Republik Kongo

Am 30. Juni 1960 erlangte die Demokratische Republik Kongo ihre Unabhängigkeit. 60 Jahre später, im Jahr 2020, genießen viele kongolesische Frauen dennoch nicht das Privileg der Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit. Sie können sich nicht frei bewegen, ohne Angst vor sexueller Gewalt. In ihrem Zuhause haben sie nicht die Macht, Entscheidungen zu treffen. Sie benötigen eine Erlaubnis ihres Mannes, um zum Arzt zu gehen oder anderen Aktivitäten nachzugehen. Zu viele Menschen glauben noch immer, dass die einzige Funktion einer Frau ist, Kinder zu gebähren. Wenn man der Auffassung ist, dass die Aufgaben von Frauen nur bis zu den vier Wänden ihres Hauses reichen, lässt man wenig Raum für Gedanken, dass Frauen auch mal eine Auszeit verdienen, geschweige denn an politischen Treffen in ihrer Gemeinde teilnehmen dürfen.

Als ich eine junges Mädchen war, lernte ich, dass ich die Kraft habe, etwas zu verändern.

In der Sekundarstufe kam meine Klassenkameradin jeden Morgen zum Unterricht und weinte. Sie erlitt sexuellen Missbrauch in ihrem eigenen Zuhause. Wenn Menschen mit Ungerechtigkeiten konfrontiert werden, braucht es keine jahrelange Schulbildung, um zu erkennen: "Das ist nicht richtig.“

Was meine Freundin erlebte, war falsch. Aber sie hatte einfach zu viel Angst, um sich an die Lehrkräfte zu wenden und mit ihnen über ihre Situation zu sprechen. Dies war mein erster Vorgeschmack auf Zivilcourage und gegenseitiges Füreinander-Einstehen. Ich habe mit der Schulleitung gesprochen, um über die Probleme meiner Freundin zu sprechen und damit die Schule meine Freundin unterstützen konnte.

Diese Überzeugung, dass ich aufstehen muss, wenn ich Dinge sehe, die nicht richtig sind, hat den Verlauf meines Lebens bestimmt.

Audry Shematsi, Landesdirektorin DRK

An der juristischen Fakultät der Universität in meiner Heimatstadt Bukavu habe ich gelernt, dass Frauen und Männer die gleichen Menschenrechte haben. Frauen und Mädchen in der Demokratischen Republik Kongo haben viele der gesetzlichen Rechte erlangt. Um diese Rechte zu schützen und die Gleichstellung der Geschlechter zu fördern, bleibt jedoch noch viel zu tun.

Trotz vieler Fortschritte auf rechtlicher Ebene zugunsten von Frauen und Mädchen müssen wir auf der Ebene der Umsetzung noch Fortschritte erzielen und die Einstellung der Menschen gegenüber Frauen ändern.

In den vergangenen 15 Jahren habe ich mich als Aktivistin für die Veränderung sozialer Normen und Fragen der Ungleichheit zwischen Frauen und Männern eingesetzt. Während meiner Zeit als Trainerin bei Women for Women International habe ich die realen Veränderungen im Leben von Frauen gesehen, die stattfinden, wenn wir in sie investieren.

WfWI-Trainerin während einer Schulung in der DRK. Foto: Ryan Carter
WfWI-Trainerin während einer Schulung in der DRK. Foto: Ryan Carter

Deshalb bin ich als Landesdirektorin zu Women for Women Inetrnational zurückgekehrt. Ich weiß, wie wichtig es für mich ist, hier zu sein und Einfluss zu nehmen. Es kommt nicht oft vor, dass man hier eine Frau in meiner Position sieht. Es ist wichtig, dass ich Frauen in unserer Gemeinde sagen kann: "Ich bin wie du und du kannst wie ich sein. Du hast die Macht. Auch du kannst eine Anführerin sein.“ Während die Demokratische Republik Kongo 60 Jahre Unabhängigkeit feiert, feiere ich die Frauen um mich herum im Kongo. Ich glaube, dass wir alle Anführerinnen sind.

Die Auswirkungen weiblicher Führung in Politik und Gesellschaft sind essenziell; sie führen insgesamt zu einer friedensschaffenden, gesamtgesellschaftlichen und systemischen Transformation.

Es beginnt mit einer Frau, die trotz anhaltender Traumata, Kriege und Armut jeden Morgen aufsteht und sich darauf freut, am Unterricht teilzunehmen und etwas zu lernen. Sie wendet an, was sie lernt und erwirtschaftet damit ein Einkommen. Während sie ihr eigenes Leben verändert, trifft sie die Entscheidung, die Welt für Mädchen, die nach ihr kommen, zu verändern und schickt ihre Tochter zur Schule, weil sie die Bedeutung von Bildung am eigenen Leibe erfahren hat. Sie glaubt, dass Jungen und Mädchen - die zu Männern und Frauen werden - ein ähnliches Maß an Hausarbeit teilen sollten. So wird sie eine aktive Vertreterin für Veränderungen in ihrer Gemeinde.

Während dieser Pandemie habe ich gesehen, dass unsere Schwestern weiterhin für ihre Familien und Gemeinschaften sorgen. Sie haben dafür gesorgt, dass die Menschen sauberes Wasser haben, damit sie ihre Hände waschen und sich um ihre Lieben kümmern können. Einige Frauen wurden darin geschult, sich an den Bemühungen der Gemeinden gegen COVID-19 zu beteiligen und sicherzustellen, dass uns wahrheitsgemäße Informationen erreichen und wir gesund bleiben.

Kongolesische Frauen erkennen die Ungerechtigkeit in unseren Gemeinden an. Sie haben gesagt: „Das ist nicht richtig“ und setzen ihre Macht ein, um sich gegenseitig gegen die vielen Ungerechtigkeiten einzusetzen, denen die Menschen ausgesetzt sind.

Wir sind alle Anführerinnen - und auch wenn ich unsere Vergangenheit ehre, bin ich schon jetzt stolz auf die Frauen, die uns in die Zukunft führen.

Audry Shematsi, Women for Women International DRK