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Mein Name ist Saratu

Eine Programmteilnehmerin aus Nigeria erzählt ihre Geschichte.

Saratu musste sich dem überwältigenden Gefühl der Angst schon viele Male in ihrem Leben stellen. Sie und ihr Ehemann arbeiten beide in der Landwirtschaft und lebten einmal in Borno, Nigeria. Doch nur ein einziger Tag genügte, um ihr Leben völlig durcheinander zu bringen.

„Wir hörten Schüsse und dann fingen die Leute an, in verschiedene Richtungen zu rennen“, erzählt Saratu. „Wir rannten weg, um uns zu verstecken.“

In ihrem Versteck, außer Sichtweite und aus der Ferne mussten Saratu und ihre Familie zusehen, wie ihr Haus von der Terrormiliz Boko Haram angezündet wurde. Das Haus, für welches sie und ihr Mann so lange hart gearbeitet hatten, ging in Flammen auf, während die Extremisten die übrigen Nachbarhäuser niederbrannten.

Vor COVID-19 feierten Saratu und ihre Gruppe den Internationalen Frauentag, indem sie Gemeindemitglieder mit körperlicher Behinderung unterstützten.
Vor COVID-19 feierten Saratu und ihre Gruppe den Internationalen Frauentag, indem sie Gemeindemitglieder mit körperlicher Behinderung unterstützten.

Und dann nahm sich die Gruppe die Menschen vor. Hilflos, in Gedanken bei ihrer Familie, musste Saratu mit ansehen, wie Boko Haram ihre Freunde und Nachbarn ermordete. „Wir hatten Glück, dass wir überlebten und dass unser Versteck nicht gefunden wurde, sonst wären auch wir getötet worden.“
Saratu und ihre Familie hatten tatsächlich Glück im Unglück. Sie trafen auf Menschen aus Tafawa Balewa in Bauchi, die auf dem Weg nach Hause waren. Die Reisenden versicherten Saratu, dass ihre Heimatgemeinde sicher sei und luden sie und ihre Familie dazu ein, mit ihnen zu kommen. Und auch dort war das Glück auf ihrer Seite: Saratus Mann traf einen Freund, der ihnen Unterschlupf bot.

Die eingekehrte Ruhe währte nicht lange, da Saratu und ihre Familie in finanzielle Schwierigkeiten gerieten. „Früher buk ich Bohnenkuchen, die ich dann verkaufte und als Einkommensquelle nutzte. Doch inzwischen standen die Dinge so schwierig, dass wir kaum genug Geld hatten, um uns zu ernähren. Auch andere Bedürfnisse der Familie mussten erst einmal hintenangestellt werden, genau wie das Aufrechterhalten meines Geschäfts“, sagt Saratu. „Wir waren von den kleinen Geschäften meines Mannes abhängig. Als es zu schwierig für uns wurde, verkauften wir ein wenig von unseren landwirtschaftlichen Erzeugnissen.“

Saratu tritt dem Programm von Women for Women International bei

„Dann hörte ich von einer NGO in unserer Gemeinde, die Frauen unterstützte, die den Krieg überlebt hatten. Ich betete zu Gott, in das Programm aufgenommen zu werden. Ich entsprach dem Profil.“

Saratus Gebete wurden erhört. Als sie dem Women for Women International Programm beitrat, begann sie zu planen, wie sie ihr Geschäft neu starten, ihren Mann unterstützen und ein neues Unternehmen zum Verkauf gut erhaltener Second-Hand Kleidung gründen konnte.

Nach drei Monaten im Programm war Saratu imstande, ihr Bohnenkuchen-Geschäft neu zu eröffnen, dank der Unterstützung durch das monatliche Stipendium. Sie konnte ihren Kindern neue Kleidung kaufen. Nach einem halben Jahr war Saratu zusammen mit anderen Frauen einer lokalen Spargruppe beigetreten (Village Savings and Loan Association - VSLA).

Saratu lernte mehr, als nur ein gutes Geschäft zu führen: Sie gewann eine neue Perspektive auf Geschlechterrollen, ihre Rechte, Gesundheit und Hygiene.

Wir sparen Geld, vergeben Kredite zur Verbesserung unserer Geschäfte und unterstützen uns gegenseitig in schwierigen Zeiten. Jetzt, da ich Geld für die Zukunft meiner Familie sparen kann, fühle ich mich unglaublich gestärkt.

Saratu, Programmteilnehmerin aus Nigeria

Geschlechterrollen und -gerechtigkeit

„Ich lerne viel aus meine Trainingseinheiten. Die Kurse haben meine Einstellungen zu einigen unserer Traditionen verändert.“, sagt Saratu. „Zum Beispiel versuche ich, meine Kinder gleichberechtigt und unabhängig vom Geschlecht zu behandeln. Traditionell erziehen wir Jungs so, dass ihnen bereits in jungem Alter vermittelt wird, Mädchen gegenüber höhergestellt zu sein. Sie geben den Familiennamen weiter. Nach meinem Training zur geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung bemerkte ich, wie wichtig es ist, meinen Sohn so zu erziehen, dass auch er Hausarbeiten erledigen kann. Zumindest solche, für die er in seinem Alter in der Lage ist.“ Sie fügt hinzu: „Zu meiner Überraschung gefällt es ihm sogar, mit seiner Schwester zusammen zu arbeiten.“

Auch ihr Mann lernte durch die Teilnahme am Men’s Engagement Programm, seine eigenen Annahmen zu Geschlechterrollen zu überdenken. „Nachdem er an einigen Treffen teilgenommen hatte, erzählte er mir, dass er nie gewusst hatte, dass Männer ihre Frauen bei Haushaltsaufgaben unterstützen sollten. Jetzt glaubt er, dass unsere Traditionen verantwortlich für das Verhalten der Männer gegenüber ihren Frauen sind.“

Saratu und ihre Familie.
Saratu und ihre Familie.

Was Saratu und ihr Mann über Geschlechterrollen und -rechte gelernt haben wird einen Einfluss auf ihre Familie haben, der weit über häusliche Aufgaben hinausgeht. „Ich war sehr überrascht zu hören, dass er gelernt hat, dass auch Frauen am Erbe beteiligt sein sollten. Obwohl er zugab, dass es für ihn nicht leicht sein würde, dies anzunehmen.“, sagt sie. „Ich bin gespannt, zu sehen, wie er sich diesbezüglich entscheidet.“ Sie hat sich die Erkenntnisse aus ihren Kursen zu Herzen genommen und nutzt diese nun, um das Leben ihrer Familie zu verbessern. „Ich habe ein besseres Verständnis dafür, wie ich gesund bleibe und mich dadurch um meine Familie kümmern kann. Vorher aßen wir alles, was da war, nur, um unsere Bäuche zu füllen. Doch jetzt achte ich auf eine gute Ernährungsweise, indem ich schon vorher plane, was ich für die Familie koche. Die Mahlzeiten sind inzwischen vielseitig und bestehen aus den verschiedenen Grundnahrungsmitteln.“

„Ich habe jetzt auch festgestellt, dass es sicherer und kostengünstiger ist, ins Krankenhaus zu gehen, wenn ich krank bin oder ein Familienmitglied sich nicht gut fühlt. Vor Kurzem erst waren mein ältester Sohn und seine Schwester krank, wir gingen also zum Krankenhaus und inzwischen geht es ihnen besser. Ich war sehr stolz auf mich, so gehandelt zu haben, anstatt sie wie früher selbst mit Kräutern zu behandeln. Dank Women for Women International lebt meine Familie jetzt gesünder.“, sagt Saratu.

Covid-19

Ein neuer Gegner - diesmal ein unsichtbarer - kam zu Saratu nach Bauchi, während sie am Programm teilnahm. Doch dieses Mal konnte Saratu sich und ihre Familie vor der neuen Bedrohung schützen.

„In unserem Dorf ist es nicht ungewöhnlich, Kinder, und manchmal auch Erwachsene, beim Essen zu sehen, ohne sich die Hände zu waschen. Doch ich habe gelernt, dass ungewaschene Hände der leichteste und schnellste Weg für Keime und Krankheiten sind, sich zu verbreiten.“, sagt Saratu. „Meinen Kindern habe ich beigebracht, ihre Hände besonders vor und nach dem Essen richtig zu waschen.“

„Durch die Trainings wurde ich für das Coronavirus sensibilisiert – es betrifft jeden Menschen auf der ganzen Welt. Mir wurde das richtige Händewaschen beigebracht, bei dem man Seife und Wasser benutzt, und wenn das beides nicht da ist, Handdesinfektionsmittel.“

Mit dem für viele Frauen neuen Wissen, dass sich das Coronavirus ständig weiterverbreitet, leistet Women for Women International einen wesentlichen Beitrag dazu, Fehlinformationen zu begegnen. Frauen können dadurch wichtige Maßnahmen kennenlernen, um sich und ihre Gemeinde zu schützen.

Durch die Trainings fing ich an, Gerüchte zum Virus zu hinterfragen und erkannte Fehlinformationen schneller. Zum Beispiel, dass Menschen in tropischen Regionen vom Virus nicht befallen werden, oder dass Gebete das Virus abwehren.

Saratu, Programmteilnehmerin aus Nigeria
Saratu und ihre Klasse während des coronakonformen Unterrichts.
Saratu und ihre Klasse während des coronakonformen Unterrichts.

Für mehrere Wochen waren die persönlichen Schulungen von Women for Women International in Nigeria zur Sicherheit und Gesundheit der Teilnehmerinnen pausiert. Währenddessen setzen die Frauen ihr neues Wissen ein: „Zu Hause waschen wir unsere Hände regelmäßig mit Wasser und Seife, außerdem besuche ich inzwischen keine Freunde mehr, weil ich damit mich und meine Familie am besten schütze."
„In unserer Kirche findet der Gottesdienst gestaffelt zu unterschiedlichen Zeiten statt, da wir normalerweise in ziemlich großen Gruppen zusammenkommen. Die Gruppe, zu der ich gehöre, trifft sich jetzt an der frischen Luft oder in einem großen Raum mit maximal 15 Personen, die alle in der gleichen Straße wohnen. Märkte finden nur noch selten statt, weil die meisten Getreidehändler der anderen Gemeinden nicht mehr kommen. Sie haben Angst, das Virus zu verbreiten.“

Für viele Menschen auf der ganzen Welt ist genau das zum zweischneidigen Schwert geworden.
Trotz Saratus wirtschaftlicher Erfolge durch das Programm haben der Lockdown und die weit verbreitete Angst vor der Krankheit die Nachfrage nach ihren Bohnenkuchen beeinflusst. Ein totaler Lockdown seitens der Regierung ließ Saratu die schwierige Entscheidung treffen, ihr Geschäft zu pausieren und damit ihren Mann zur einzigen Einkommensquelle als „Okada-“, also Motorradfahrer, zu machen.
„Das Leben wird schwieriger, da die Menschen keinen Erwerbstätigkeiten mehr nachgehen können, wie vor COVID-19.“, erklärt Saratu. „Die Angst der Meisten ist, dass die Essensvorräte nicht mehr lange genug ausreichen. Während sich die Menschen schützen wollen, wird der Hunger gleichzeitig ein immer größeres Problem und zwingt sie, ihre Häuser zu verlassen und nach Essen zu suchen.“

Finanzielle Gefahren sind oft ein Türöffner für weitere Probleme, vor allem für Frauen. „Die Fallzahlen zu häuslicher Gewalt verbreiten sich in meiner Gemeinde immer mehr, die Männer sind frustriert durch den Leerlauf und die fehlende Möglichkeit, Geld zu verdienen. Schnell werden sie verärgert, sobald die Frauen um Geld bitten, da sie von den Frauen erwarten, die Situation zu verstehen. Dabei wollen sich die Frauen nur um die Bedürfnisse der Familie kümmern. Diese Spannung resultiert meistens in ernstem verbalem Missbrauch seitens der Männer.“, erklärt Saratu.

Obwohl Saratu und ihre Familie wieder einmal mit Herausforderungen zu kämpfen haben, zieht sie Kraft aus ihrem Wissen und ihrer Hoffnung für die Zukunft. „Ich vermisse meine Trainingseinheiten mit Women for Women International. Ich vermisse die Verbindung mit anderen Frauen, das Teilen unserer Erfahrungen und das Kennenlernen neuer Themen. Doch momentan ist es an der sichersten, den Abstand zu wahren, für unsere Gesundheit und unser Überleben.“

Wir hoffen und beten, dass diese Pandemie vorbeigeht und unsere Leben wieder zur Normalität zurückkehren können.

Saratu, Programmteilnehmerin aus Nigeria