Ohne Frauen kein Frieden: Warum Deutschlands Einsatz für die Agenda Frauen, Frieden und Sicherheit jetzt entscheidend ist 

Von Anna Sahr 

Ohne Frauen kein Frieden: Warum Deutschlands Einsatz für die Agenda Frauen, Frieden und Sicherheit jetzt entscheidend ist

Wenn über Krieg und Frieden verhandelt wird, sitzen diejenigen, die die Folgen von Gewalt tagtäglich tragen, noch immer viel zu selten mit am Tisch. Dabei ist längst belegt: Frieden wird nachhaltiger, gerechter und stabiler, wenn Frauen ihn mitgestalten.

Zum Weltfrauentag rücken wir die Rolle von Frauen im Friedensaufbau in den Mittelpunkt und fragen kritisch: Wird das Potenzial von Frauen in der Friedensarbeit wirklich genutzt?


Frauen sind von Konflikten besonders betroffen

2024 war eines der gewaltreichsten Jahre seit Beginn der systematischen Erfassung bewaffneter Konflikte. Weltweit leben hunderte Millionen Frauen und Mädchen in unmittelbarer Nähe von Krieg und Gewalt. Sie verlieren Angehörige, Lebensgrundlagen und Sicherheit – und sind dabei überproportional von sexualisierter Gewalt betroffen.

Trotzdem bleiben Frauen in Friedensprozessen weitgehend ausgeschlossen. Global sind sie nur ein sehr kleiner Teil von Verhandlungsführerinnen. Auch 25 Jahre nach der UN-Resolution 1325, dem Grundpfeiler der Frauen-, Frieden-, Sicherheits-Agenda, klafft eine Lücke zwischen politischen Bekenntnissen und der Realität.


Frauen sind nicht „nur Betroffene“ – sie sind Friedensstifterinnen

Frauen in Konfliktregionen sind keine passiven Opfer. Sie verhandeln lokal Waffenruhen, vermitteln zwischen Konfliktparteien, verhindern Eskalationen, organisieren humanitäre Hilfe und halten Gemeinschaften zusammen, wenn staatliche Strukturen versagen.

Studien zeigen: Friedensabkommen, an denen Frauen beteiligt sind, halten deutlich länger. Sie berücksichtigen häufiger soziale Gerechtigkeit, Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, wirtschaftliche Teilhabe und den Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt.

Ohne diese Perspektiven bleiben Friedensabkommen oft oberflächlich – und vor allem wenig beständig.

Erfahrungen aus der Arbeit von Women for Women International zeigen:
Frauen wollen gehört werden und sie sind aktiv. In zahlreichen Krisenkontexten setzen sie sich für Dialog, Gewaltprävention und Versöhnung ein. Sie wissen selbst am besten, was ihre Gemeinschaften brauchen, um Sicherheit und Stabilität wieder aufzubauen und eine Zukunft zu formen, in der Frauen und Mädchen sicher und gleichberechtigt sind.


Aus der Praxis: Wie Hadiza Frieden in ihrer Gemeinde gestaltet

Hadiza lebt in einem ländlichen Dorf im Norden Nigerias. Sie wurde mit zwölf Jahren verheiratet, musste die Schule abbrechen und erlebte mehrfach Gewalt und Vertreibung durch bewaffnete Konflikte. Nach dem Tod ihres Mannes versuchte seine Familie, sie zu einer erneuten Heirat zu zwingen und ihr das Land zu entziehen – eine existenzielle Bedrohung für sie und ihre sieben Kinder.

Durch ihre Teilnahme am Schulungsprogramm „Stronger Women, Stronger Nations“ von Women for Women International lernte Hadiza ihre Rechte kennen und begann, sie einzufordern. Mit juristischer Unterstützung sicherte sie ihr Land, baute eine eigene Existenz auf und wurde schließlich als Change Agent ausgewählt.

Heute setzt sich Hadiza aktiv gegen geschlechtsspezifische Gewalt in ihrer Gemeinde ein. Gemeinsam mit anderen Frauen forderte sie erfolgreich die Einrichtung eines lokalen Polizeipostens inklusive einer weiblichen Polizeibeamtin, um den Zugang für von Gewalt betroffene Frauen zu erleichtern.

Sie begleitet Überlebende von Gewalt, spricht öffentlich über Frauenrechte und hat bereits zahlreiche schwere Fälle von häuslicher und sexualisierter Gewalt zur Anzeige gebracht – und das trotz persönlicher Bedrohungen.

Hadizas Geschichte zeigt: Wenn Frauen Zugang zu Wissen, Netzwerken und politischem Handlungsspielraum haben, werden sie zu zentralen Akteurinnen von Sicherheit, Gerechtigkeit und Frieden – bereits lange bevor formelle Friedensverhandlungen beginnen.


Deutschlands Rolle: Gute Ansätze, aber noch zu wenig Konsequenz

Deutschland bekennt sich zur Frauen-, Frieden-, Sicherheits-Agenda und hat entsprechende Strategien und Aktionspläne verabschiedet. Das ist wichtig. Doch für den noch ausstehenden und dann umzusetzenden Nationalen Aktionsplan (NAP) ist aus der Erfahrung der Praxis vor allem entscheidend:

  • Frauenorganisationen aus Konfliktregionen frühzeitig und nicht nur symbolisch in Friedensprozesse einzubinden.
  • Mittel für frauenfokussierte Friedensarbeit und lokale Fraueninitiativen ins Verhältnis zu ihrer nachweislichen Wirkung zu setzen.
  • Sicherheitspolitik menschenzentriert statt primär militärisch zu denken.

Wenn Deutschland international glaubwürdig für Frieden eintreten will, muss es Frauen nicht nur erwähnen, sondern konsequent beteiligen – von der Krisenprävention über Verhandlungen bis zum Wiederaufbau.


Frieden beginnt bei der Stärkung von Frauen

Women for Women International arbeitet seit über 30 Jahren mit Frauen in Konflikt- und Kriegsregionen. Wenn Frauen Zugang zu Bildung, Einkommen und sozialen Netzwerken haben, werden sie zu Trägerinnen von Veränderung:

Sie stärken Familien, stabilisieren Gemeinschaften und tragen aktiv zu einem Frieden bei, der auch für zukünftige Generationen Bestand hat.

Der Weltfrauentag ist eine Erinnerung daran, dass Frieden ohne Frauen kein Frieden ist.

Jetzt ist der Moment, politische Zusagen in konkretes Handeln zu übersetzen und Frauen als das anzuerkennen, was sie sind: unverzichtbare Akteurinnen für nachhaltigen, inklusiven Frieden.

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