Jenseits des Ebola-Ausbruchs: Gemeinsam gegen Angst und Desinformation

9. Juli 2026
Von Vianney Dong
Als der Ebola-Ausbruch offiziell bekannt gegeben wurde, war ich gerade aus Kinshasa in Uvira angekommen – eine Stadt in der Provinz Süd-Kivu im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Zunächst fühlte sich alles unwirklich an. Es war schwer zu begreifen, dass es sich tatsächlich um Ebola handelte.
Ich war tief erschüttert und dachte sogar darüber nach, sofort nach Hause zurückzukehren. Die Unsicherheit und die Angst waren greifbar. Meine ersten Gedanken galten den Menschen: meinem Team bei Women for Women International, wo ich als Landesdirektorin für die Demokratische Republik Kongo tätig bin, und den Frauen, mit denen wir in Uvira und Bukavu arbeiten. Da Uvira weit von Beni entfernt liegt, wo sich der Ausbruch zunächst konzentrierte, entschied ich, dass es nicht nur richtig, sondern notwendig war zu bleiben. Ich blieb vor Ort, arbeitete Seite an Seite mit meinem Team und setzte unsere Arbeit trotz der schwierigen Umstände fort.
Der Ausbruch hat unser tägliches Miteinander grundlegend verändert. Kleine Gesten wie Händeschütteln oder Umarmungen, die für unsere Herzlichkeit und Verbundenheit stehen, sind plötzlich nicht mehr möglich.
Gerade für uns ist das besonders schwer, denn unsere Kultur ist geprägt von Wärme, Gastfreundschaft und Nähe. Heute kann ich mein Team nicht mehr so begrüßen wie früher und auch die Frauen, die wir unterstützen, nicht mehr in den Arm nehmen. Ihre Stärke und Widerstandskraft motivieren mich jeden Tag – und gerade deshalb schmerzt diese erzwungene Distanz umso mehr. Die Trennung hat eine ungewohnte Stille und emotionale Entfernung geschaffen. Sie hat nicht nur unsere Begegnungen verändert, sondern auch meinen Blick auf meine Arbeit und meine Beziehungen zu den Menschen.

in der Demokratischen Republik Kongo,
informiert Teilnehmerinnen über den Ebola-Ausbruch
und Schutzmaßnahmen. Foto: Alexi Daudi.
Unmittelbar nachdem Ebola offiziell zum Ausbruch erklärt wurde, haben wir in unseren Büros und Ausbildungszentren strenge Schutzmaßnahmen eingeführt. Eine nationale Taskforce trifft sich seither wöchentlich, um aktuelle Entwicklungen auszuwerten und sicherzustellen, dass alle Mitarbeitenden über die neuesten Informationen verfügen und die Maßnahmen einheitlich umsetzen.
Darüber hinaus nehmen wir aktiv an den von der Regierung organisierten Koordinierungstreffen zur Ebola-Bekämpfung teil, die gemeinsam mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stattfinden. Um Verdachtsfälle schnell melden und darauf reagieren zu können, haben wir außerdem direkte Kommunikationswege zu den Gesundheitsbehörden eingerichtet.
Unser Engagement endet jedoch nicht bei internen Schutzmaßnahmen. Prävention und Aufklärung in den Gemeinden, mit denen wir arbeiten, sind ebenso entscheidend. Deshalb arbeiten wir in Bukavu und Uvira eng mit traditionellen Autoritäten, einflussreichen Gemeindemitgliedern sowie Gesundheitsfachkräften wie Pflegepersonal zusammen, um über Ebola aufzuklären und wichtige Schutzmaßnahmen zu vermitteln.
Diese gemeinsame Arbeit trägt dazu bei, Menschen zu schützen und die Gemeinden dabei zu unterstützen, dem Ausbruch geschlossen entgegenzutreten.
Die Frauen, die an unseren Programmen teilnehmen, stehen im Mittelpunkt unserer Arbeit. Ihre sichere Teilnahme an den Trainings hat für uns oberste Priorität. Deshalb haben wir umfassende Schutzmaßnahmen eingeführt: Beim Betreten unserer Trainingszentren wird die Körpertemperatur kontrolliert, Handwaschstationen stehen bereit und alle Teilnehmenden müssen die geltenden Hygieneregeln einhalten. Außerdem begrenzen wir jede Trainingseinheit auf maximal 25 Teilnehmerinnen, um ausreichend Abstand gewährleisten zu können und gleichzeitig qualitativ hochwertige Schulungen anzubieten.
Diese Maßnahmen sind unverzichtbar. Sie schützen nicht nur die Gesundheit der Frauen, mit denen wir arbeiten, sondern ermöglichen es uns auch, unsere Programme verantwortungsvoll und sicher fortzuführen.

installierten Handwaschstationen die Hände.
Foto: Alexi Daudi.
Ein wesentlicher Faktor, der die Ausbreitung von Ebola begünstigt, ist die weit verbreitete Desinformation. Obwohl die Demokratische Republik Kongo durch frühere Ausbrüche über viel Erfahrung im Umgang mit Ebola verfügt, leugnen manche Gemeinden weiterhin die Existenz der Krankheit. Stattdessen glauben sie, Ebola sei eine Erfindung internationaler Organisationen, um angesichts sinkender Finanzmittel zusätzliche Gelder zu erhalten.
Dieses Misstrauen hat schwerwiegende Folgen. Erkrankte werden oft nicht frühzeitig gemeldet oder medizinisch versorgt. Stattdessen pflegen Familien ihre infizierten Angehörigen zu Hause, wodurch sich das Virus weiter verbreiten kann. Besonders in der Provinz Ituri, dem Epizentrum des aktuellen Ausbruchs, hat dies zu einem Anstieg der Infektionszahlen geführt.
Umso wichtiger ist es, gemeinsam mit den Gemeinden Vertrauen wieder aufzubauen, Falschinformationen entgegenzutreten und verlässliche Informationen bereitzustellen. Denn ohne die aktive Beteiligung der Bevölkerung stoßen selbst gut ausgestattete Gesundheitssysteme an ihre Grenzen. Die Einbindung der Gemeinden ist deshalb ein zentraler Bestandteil im Kampf gegen Ebola und gegen Desinformation. Es reicht nicht aus, Gesundheitsbotschaften zu verbreiten – entscheidend ist die Zusammenarbeit mit Menschen, denen die Bevölkerung vertraut und die die kulturellen Gegebenheiten vor Ort kennen.
Während eines Besuchs in einem unserer Trainingszentren hörte ich eine Frau sagen, Ebola entstehe, wenn ein junger Mann die Toilette einer Familie benutze und das Virus dort hinterlasse, sodass schließlich die ganze Familie sterbe. Diese Aussage hat mich erschüttert. Sie zeigt, wie tief Falschinformationen verwurzelt sind und wie sie Angst und Stigmatisierung schüren – in diesem Fall sogar zulasten von Männern. Traditionelle Autoritäten, religiöse Führungspersonen und andere Gemeindeleitungen spielen eine entscheidende Rolle dabei, solche Mythen aufzuklären. Sie kennen die Menschen, ihre Sorgen und ihre Lebensrealitäten und genießen ihr Vertrauen.
Besonders ermutigend war für mich die Rückmeldung vieler Teilnehmerinnen, dass zahlreiche Kirchengemeinden inzwischen auf körperliche Begrüßungen verzichten. Das zeigt, dass Präventionsbotschaften ankommen und angenommen werden. Ehrliche Aufklärung und die enge Zusammenarbeit mit den Gemeinden schaffen Vertrauen und unterstützen Menschen dabei, ihr Verhalten zum Schutz ihrer Familien und ihrer Gemeinschaft zu verändern.

lokalen Führungspersönlichkeiten über die Maßnahmen
zur Eindämmung des Ebola-Ausbruchs. Foto: Alexi Daudi.
Frauen stehen im Mittelpunkt unserer Arbeit – und sie spielen auch bei der Eindämmung von Ebola eine entscheidende Rolle. Gleichzeitig sind Frauen und Männer von einem Ausbruch auf unterschiedliche Weise betroffen.
Frauen übernehmen häufig die Pflege erkrankter Familienmitglieder und sind dadurch einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt. Männer hingegen sind oft aufgrund ihrer Mobilität sowie ihrer Arbeits- und Einkommenssituation anderen Risiken ausgesetzt. Eine wirksame Kommunikation über Gesundheitsrisiken und Schutzmaßnahmen muss diese unterschiedlichen Lebensrealitäten berücksichtigen und zugleich die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen einbeziehen.
Die Gesundheitsbehörden der Provinz leiten zwar die Ebola-Maßnahmen, doch wir setzen uns dafür ein, dass die Reaktion geschlechtersensibel gestaltet wird und Frauen aktiv in Vorbereitung und Krisenbewältigung eingebunden sind.
In Bukavu und Uvira beteiligen sich Krankenschwestern, traditionelle Heilerinnen und weitere Frauen an Schulungen und Aufklärungsmaßnahmen. Sie leisten einen wichtigen Beitrag dabei, Desinformation abzubauen, Stigmatisierung entgegenzuwirken und Schutzmaßnahmen in ihren Gemeinden zu vermitteln. Ein geschlechtersensibler Ansatz stärkt die Ebola-Bekämpfung insgesamt. Er macht Frauen zu aktiven Gestalterinnen des Krisenmanagements – als Führungspersönlichkeiten, Gesundheitsfachkräfte und Multiplikatorinnen. So entsteht Vertrauen, Gemeinden erhalten verlässliche Informationen und nachhaltige Veränderungen werden möglich, weil die zentrale Rolle von Frauen anerkannt und gestärkt wird.
Der Ebola-Ausbruch hat mich daran erinnert, was echte Führung bedeutet: präsent zu sein, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam weiterzugehen – auch in Zeiten großer Unsicherheit.
Trotz der bisherigen Fortschritte gibt es weiterhin dringenden Handlungsbedarf, um die Ebola-Bekämpfung wirksamer zu gestalten. Aus meinen Besuchen vor Ort und den Gesprächen mit den Gemeinden haben sich drei zentrale Prioritäten herauskristallisiert:
1. Zugang zu verlässlichen Informationen stärken
Gemeinden brauchen verständliche und vertrauenswürdige Informationen über Ebola. Deshalb ist die Erstellung und Verbreitung von Informations-, Bildungs- und Kommunikationsmaterialien (IEC) von entscheidender Bedeutung. Gleichzeitig müssen diese Informationen geschlechtersensibel aufbereitet werden, damit Frauen, Männer, Mädchen, Jungen und Menschen mit Behinderungen gleichermaßen erreicht werden und die Informationen ihren jeweiligen Bedürfnissen entsprechen.
2. Hygiene- und Infektionsschutz nachhaltig verbessern
Aufklärung allein reicht nicht aus. Menschen benötigen das Wissen und die notwendigen Ressourcen, um Schutzmaßnahmen im Alltag umsetzen zu können. Schulungen zu Hygiene, sicherer Pflege, Händewaschen und Infektionsprävention sollten daher mit der Bereitstellung von Handwaschstationen, Seife, Chlor, Schutzausrüstung und Hygienekits kombiniert werden. Davon profitieren insbesondere Frauen, die als pflegende Angehörige häufig einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt sind.
3. Isolationszentren besser unterstützen
Isolationszentren benötigen ausreichend Ausstattung, um Patient*innen und ihre Familien angemessen versorgen zu können. Hygieneartikel, Kleidung, Bettwäsche, Produkte für die persönliche Würde sowie Lebensmittel tragen nicht nur zu einer umfassenden Versorgung bei, sondern stärken auch das Vertrauen der Bevölkerung in das Gesundheitssystem. Dieses Vertrauen ist entscheidend, damit Erkrankte frühzeitig medizinische Hilfe in Anspruch nehmen.
Den Ebola-Ausbruch zu beenden, gelingt nur mit Vertrauen, offener Kommunikation und der aktiven Beteiligung der Gemeinden. Ohne die Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort wird selbst die beste Gesundheitsstrategie an ihre Grenzen stoßen. Gut informierte und einbezogene Gemeinschaften hingegen können entscheidend dazu beitragen, die Ausbreitung des Virus zu stoppen.
Ich bin überzeugt, dass wir diesen Ausbruch überwinden können. Ebola ist nicht allein eine Herausforderung für Gesundheitsfachkräfte – sie betrifft uns alle. Jede Aufklärung, jedes Gespräch und jede gemeinsame Initiative in den Gemeinden kann einen Unterschied machen. Diese Überzeugung gibt mir die Kraft, unsere Arbeit gemeinsam mit den Menschen vor Ort fortzusetzen – und sie bestärkt mich darin, dass wir diese Krise nur gemeinsam bewältigen werden.
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