Männer einbinden, um stärkere Familien und Gemeinschaften im Irak aufzubauen

Nachhaltige Fortschritte auf dem Weg zu Geschlechtergerechtigkeit, sicheren Lebensräumen und gleichen Chancen erfordern Veränderungen – nicht nur im Leben von Frauen und Mädchen in Konfliktregionen, sondern auch bei den Einstellungen und Beziehungen, die ihren Alltag prägen. Deshalb arbeiten wir mit Männern, damit sie als Verbündete und Fürsprecher für die Stärkung von Frauen und für Geschlechtergerechtigkeit eintreten können.

Im Irak arbeiten wir mit unserem Men’s Engagement Programme (MEP) mit Männern daran, ihr Wissen und ihre praktischen Fähigkeiten in den Bereichen Geschlechtergerechtigkeit, Menschenrechte und Gewaltprävention zu stärken. Die meisten Teilnehmer sind Ehemänner, Partner oder enge männliche Angehörige von Frauen, die am Programm Stronger Women Stronger Nations von Women for Women International teilnehmen. Indem Frauen und Männer aus denselben Haushalten einbezogen werden, verfolgen die beiden Programme unterschiedliche, aber sich ergänzende Ansätze für Veränderung. Frauen erhalten Wissen, Fähigkeiten und Ressourcen, um ihr Leben neu aufzubauen. Gleichzeitig werden Männer dazu angeregt, sich mit ihren eigenen Überzeugungen, Verhaltensweisen und Machtverhältnissen auseinanderzusetzen, die Frauen möglicherweise daran hindern, ihre Rechte wahrzunehmen und eigene Entscheidungen zu treffen.

Derzeit wird das MEP in Mosul und Hamdaniya im Gouvernement Ninive durchgeführt. Das Programm ist als partizipativer Lernprozess konzipiert und nicht als eine Reihe von Vorträgen. Moderierte Diskussionen, Gruppenaktivitäten, Übungen anhand konkreter Situationen, angeleitete Reflexionen und gemeinsame Aktionsplanung geben den Männern Raum, offen über Themen zu sprechen, die ansonsten möglicherweise als schwierig oder sensibel empfunden werden.

Die Teilnehmer werden ermutigt, ihre eigenen Erfahrungen zu hinterfragen und anschließend konkrete Möglichkeiten zu entwickeln, wie sie Veränderungen in ihren Familien und Gemeinschaften fördern können. Die Teilnahme ist freiwillig und setzt eine informierte Zustimmung voraus.

Zu Beginn des Programms unterzeichnet jeder Teilnehmer eine Vereinbarung zu Anwesenheit, respektvollem Verhalten, Vertraulichkeit und Gewaltfreiheit. Damit soll ein sicheres und verantwortungsvolles Umfeld für alle Beteiligten geschaffen werden.

Von persönlicher Reflexion zu konkreter Veränderung

Der vollständige Lehrplan umfasst 18 Module, die in einer verpflichtenden und 17 ergänzenden Sitzungen vermittelt werden. Die Teilnehmer nehmen jede Woche an einer zweistündigen Sitzung teil und absolvieren das gesamte Programm über einen Zeitraum von etwa fünf Monaten. Die Sitzungen behandeln Themen wie gesunde Beziehungen, respektvolle Kommunikation, Geschlechtergerechtigkeit und ein positives Verständnis von Männlichkeit.

Darüber hinaus geht es um die körperliche und psychische Gesundheit von Männern, sexuelle und reproduktive Gesundheit, HIV und sexuell übertragbare Infektionen, die gemeinsame Verantwortung innerhalb der Familie, Entscheidungsprozesse im Haushalt, gesellschaftliches Engagement und Initiativen zur Entwicklung der Gemeinschaft. Für einige Teilnehmer beginnt der Lernprozess damit, eine gesunde Art der Kommunikation in ihrem Zuhause zu erlernen.

Men’s Engagement Programme im Irak.
Credit: WfWI

Die Erfahrungen von Zakaria Khalil zeigen, wie individuelles Lernen zu stärkeren familiären Beziehungen beitragen kann. Indem er über die Themen des Programms reflektierte und sie in seinem Alltag anwendete, konnte er seine Beziehungen innerhalb seiner Familie stärken.

Er erklärte: „Die Schulung hat mir geholfen, die Bedeutung von Partnerschaft innerhalb der Familie zu verstehen, und mich dazu ermutigt, praktische Kommunikationsfähigkeiten zu Hause anzuwenden.“

Paare gemeinsam ins Gespräch bringen

Couples Connect ist eine von vier Komponenten, mit denen das Programm über die regulären Kern-Sitzungen hinaus erweitert wird. Dabei kommen Teilnehmer*innen und ihre Ehepartner*innen zusammen, um Themen wie Familienplanung, Gesundheit, Frauenrechte und Gewalt in Paarbeziehungen zu besprechen.

Durch moderierte Gespräche, gemeinsame Reflexionen, Diskussionen anhand konkreter Situationen und eine gemeinsame Planung des Familienalltags können die Paare überlegen, wie sie die Inhalte des Programms auf ihr eigenes Leben übertragen können.

Im Durchgang 2023 nahmen 25 Paare an Couples Connect teil. Im aktuellen Durchgang haben 17 Paare an insgesamt sechs Sitzungen teilgenommen. Am Ende des Durchgangs 2023 gaben 89 Prozent der Teilnehmer an, dass sich durch diese Sitzungen die Aufteilung der Verantwortlichkeiten im Haushalt verändert habe.

Men’s Engagament Programme im Irak. Credit: WfWI

Die Arbeit mit Paaren ist wichtig, weil individuelle Veränderungen gefestigt werden können, wenn beide Partner Raum haben, miteinander zu kommunizieren, gemeinsam zu planen und zu verstehen, wie gleichberechtigte Entscheidungen der gesamten Familie zugutekommen. Ein Teilnehmer besuchte gemeinsam mit seiner Ehefrau eine Couples-Connect-Sitzung, nachdem er bereits mehrere Sitzungen des Men’s Engagement Programme absolviert hatte. Während des Gesprächs beschrieb seine Frau die Veränderungen, die sie seit seinem Beitritt zum Programm bei ihm beobachtet hatte:

Er war offener dafür geworden, mit mir zu kommunizieren, sich meine Meinung anzuhören und mich in die finanzielle Planung des Haushalts und in familiäre Entscheidungen einzubeziehen.

Von anderen Männern lernen

Er war offener dafür geworden, mit mir zu kommunizieren, sich meine Meinung anzuhören und mich in die finanzielle Planung des Haushalts und in familiäre Entscheidungen einzubeziehen.

Die Peer-Exchange-Sitzungen bringen aktuelle Teilnehmer mit ehemaligen Programmteilnehmern und ausgewählten Gemeindeleitern zusammen. Die ehemaligen Teilnehmer berichten darüber, wie sie das Gelernte in ihrem Alltag umgesetzt haben. Dadurch erhalten Männer, die das Programm noch absolvieren, die Möglichkeit, direkt von den Herausforderungen und Chancen zu erfahren, die mit Veränderungen von Einstellungen und Verhaltensweisen verbunden sind.

Ein Teilnehmer des Iraqi Ninewa Media Center, der an einer Peer-Exchange-Sitzung in Mosul teilnahm, war besonders beeindruckt davon, dass ehemalige Teilnehmer zurückkehrten, um sich erneut mit den aktuellen Teilnehmern auszutauschen. Für ihn zeigte ihre fortgesetzte Beteiligung, dass der Einfluss des Programms nicht mit dem Abschluss endet.

Er erklärte:

Ich habe die Qualität der Diskussionen und das Selbstvertrauen bemerkt, mit dem die Männer ihre Erfahrungen in sicheren Räumen geteilt haben, in denen Männer über positive Männlichkeit, familiäre Beziehungen und das Wohlergehen der Gemeinschaft sprechen können.

Das Selbstvertrauen entwickeln, Verantwortung zu übernehmen

Hashim nahm zunächst zögerlich am Programm teil. Es fiel ihm schwer, vor anderen zu sprechen, und bei Gruppendiskussionen hörte er meist lieber zu. Mit der Zeit gewann er jedoch zunehmend an Selbstvertrauen. Er begann, seine Ideen auszudrücken, Diskussionen zu moderieren und vor einem Publikum zu sprechen. Auch andere Teilnehmer bemerkten diese Veränderung und sprachen ihn an.

Später moderierte er während einer Couples-Connect-Sitzung eine Diskussion über die Gesundheit der Familie und stellte beim abschließenden Peer Exchange eine Initiative aus der Gemeinschaft vor. Gemeinsam mit Ahmed entwickelte er sich damit von einem Lernenden zu jemandem, der aktiv dazu beiträgt, Veränderungen in der breiteren Gemeinschaft zu fördern.

Für Hashim war insbesondere die Sitzung zur psychischen Gesundheit prägend. Sie half ihm zu erkennen, dass jeder Mensch Schwierigkeiten erlebt. Entscheidend sei jedoch, wie mit diesen Herausforderungen umgegangen wird, anstatt sie sich anhäufen zu lassen und dadurch familiäre Beziehungen oder die eigene Rolle in der Gemeinschaft zu beeinträchtigen. Erfahrungen wie die von Hashim zeigen, wie ein größeres Bewusstsein für sich selbst und mehr Selbstvertrauen Teilnehmer dazu befähigen können, auch in ihrem persönlichen Umfeld als Fürsprecher für Veränderungen aufzutreten.

Durch die Komponente MEP Champions können ehemalige Teilnehmer diesen Weg fortsetzen, indem sie zukünftige Teilnehmer begleiten, Aktivitäten zur Sensibilisierung in der Gemeinschaft unterstützen und sich auch nach ihrem Abschluss weiter engagieren.

Zusammenarbeit mit vertrauenswürdigen Persönlichkeiten aus der Gemeinschaft

Veränderungen können nachhaltiger verankert werden, wenn sie von Menschen unterstützt werden, die innerhalb ihrer Gemeinschaften Vertrauen genießen und Einfluss haben. Deshalb arbeitet das Programm auch mit männlichen Gemeinde- und Religionsführern, Lehrern, Aktivisten und anderen einflussreichen Persönlichkeiten aus der Gemeinschaft zusammen.

Sie erhalten Schulungen, um geschlechtergerechte Normen zu fördern, das Programm vor Ort zu unterstützen und bei der Öffentlichkeitsarbeit sowie bei der Gewinnung von Teilnehmern mitzuwirken. Im aktuellen Durchgang haben 37 Gemeindeleiter und Jugendaktivisten an diesen Schulungen teilgenommen. Dazu gehörten 17 Personen, die eine viertägige Schulung in Mosul absolvierten, sowie 20 Personen, die eine fünftägige Schulung in Hamdaniya abschlossen.

Hinweise auf veränderte Einstellungen und Beziehungen

Erste Ergebnisse der Abschlussbefragung des aktuellen Programmdurchgangs zeigen positive Veränderungen:

  • 71 % der Teilnehmer zeigten auf der Skala für geschlechtergerechte Einstellungen von Männern eine stark gleichberechtigte Haltung zur Geschlechtergerechtigkeit.
  • 51 % verbesserten ihr Wissen über die Rechte von Frauen.
  • 44 % berichteten von einer Verbesserung der Qualität ihrer Beziehung zu ihrer Ehefrau.

Veränderung, die über den Einzelnen hinausreicht

Die Arbeit von Women for Women International konzentriert sich auf Frauen und Mädchen in Ländern, die von Konflikten betroffen sind. Die Stärkung der Rechte von Frauen erfordert jedoch auch die Einbindung der Männer, die Entscheidungen innerhalb von Familien und Gemeinschaften beeinflussen. Ohne ihre Beteiligung können schädliche Vorstellungen über Männlichkeit, Autorität innerhalb des Haushalts und Geschlechterrollen weiterhin die Möglichkeiten von Frauen einschränken und sie Gewalt aussetzen. Die Arbeit mit Männern trägt dazu bei, Bedingungen zu schaffen, unter denen Frauen ihre Rechte wahrnehmen, an Entscheidungen teilhaben, ein Einkommen erzielen und frei von Gewalt leben können. Gleichzeitig erhalten Männer die Möglichkeit, schädliche gesellschaftliche Erwartungen zu hinterfragen, ihr eigenes Wohlbefinden zu verbessern und unterstützendere Beziehungen zu ihren Ehepartnern, Kindern und Gemeinschaften aufzubauen.

In Mosul und Hamdaniya zeigen die Teilnehmer, wie solche Veränderungen entstehen können: durch einen Ehemann, der seiner Frau aufmerksamer zuhört, durch ein Paar, das gemeinsam plant, durch einen Mann, der das Selbstvertrauen entwickelt, eine Diskussion zu leiten, durch ehemalige Teilnehmer, die zurückkehren, um andere zu unterstützen, und durch Persönlichkeiten aus der Gemeinschaft, die ihren Einfluss nutzen, um gleichberechtigtere Normen zu fördern.

Jede dieser Erfahrungen ist Teil eines umfassenderen Ansatzes, um sicherzustellen, dass Veränderung nicht allein von Frauen getragen werden muss, sondern von Familien und Gemeinschaften als Ganzes verstanden, unterstützt und nachhaltig verankert wird.

Wir binden Männer in unseren Einsatz für mehr Geschlechtergerechtigkeit ein! Erfahre, wie du unterstützen kannst.

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