Mein Name ist Iqbal: So habe ich mein Leben neu aufgebaut

Geschichten aus dem Irak

Ich wurde am 25. März 1977 in Bagdad geboren. Ich bin Mutter von sieben Kindern – fünf Töchtern und zwei Söhnen. Ich habe jung geheiratet und meine Schulbildung nicht abgeschlossen, aber ich habe auf andere Weise weitergelernt.

Am 20. Juli 2006 verließen wir Bagdad wegen der konfessionellen Gewalt und zogen nach Qaraqosh. Noch einmal neu anzufangen war schwer. Aber ich konnte es mir nicht leisten, darauf zu warten, dass sich die Dinge von selbst verbessern. Ich eröffnete ein kleines Geschäft für Damenbekleidung. Nach etwa einem Jahr hatte ich eine zweite Idee: Ich begann, Kleider für Hochzeiten und besondere Anlässe zu verleihen.

Nach und nach begann die Arbeit, uns zu tragen. Von dem Geld, das ich verdiente, und mit einem Wohnungsdarlehen bauten wir ein Haus. Für eine Weile fühlte es sich so an, als hätten wir etwas erreicht, das Stabilität nahekam.

Doch das hielt nicht lange an. Als 2014 der IS in die Region Al-Hamdaniya einmarschierte, brannte unser Haus nieder. Auch das Geschäft brannte.

Jahre harter Arbeit verschwanden innerhalb weniger Stunden.

Wir wurden erneut vertrieben – dieses Mal nach Erbil, wo wir drei Jahre lang lebten. Wir verloren nicht nur unser Einkommen. Wir lebten auch mit ständiger Unsicherheit und der Angst vor dem, was als Nächstes passieren würde. Als die Region befreit wurde, kehrten wir nach Al-Hamdaniya zurück.

Iqbal im Women for Women International-Schlungszentrum im Irak. Foto: WfWI-Team

Wir kamen zurück ohne Projekt, ohne Ersparnisse und ohne klaren Plan, wie wir unser Leben wieder aufbauen sollten. Die kleine Rente meines Mannes reichte kaum aus, um die Bedürfnisse unserer sieben Kinder zu decken. Einige Organisationen unterstützten uns bei der Reparatur des Hauses. Ich begann außerdem, an Trainings und Gemeinschafts-programmen teilzunehmen und Handarbeiten zu lernen. Am Anfang ging es einfach darum, irgendeinen Weg zu finden, etwas Geld zu verdienen. Aber es ging auch darum, weiterzumachen – nicht zuzulassen, dass das, was 2014 passiert war, den Rest meines Lebens bestimmt.

Als wir zurückkehrten, waren die Schäden nicht nur materiell. Ich sah die Angst in den Gesichtern der Menschen, und ich sah, wie schnell Misstrauen zwischen verschiedenen Gruppen wuchs – zwischen Ethnien, Religionen und Konfessionen.

Die Menschen beschuldigten einander, und Frauen trugen oft als Erste die Folgen – zu Hause und in der Gemeinschaft. Das hat mich tief verletzt. Ich wollte die Spannungen nicht verstärken, und ich wollte auch nicht in ihnen leben. Ich wollte jemand sein, der helfen kann, die Situation zu beruhigen – auch wenn es nur in kleinen Schritten ist.

Ich schloss mich einer lokalen Frauenorganisation an, die sich für die Stärkung von Frauen einsetzt. In Treffen und Dialogrunden versuchten wir, Missverständnisse zu verringern und Menschen wieder näher zusammenzubringen. Wir hörten zu, diskutierten Konflikte in der Gemeinschaft und unterstützten Frauen, wenn sie zu Hause oder im öffentlichen Leben Probleme hatten.

Mit der Zeit hörte ich auf, diese Arbeit als etwas Zusätzliches zu sehen. Sie fühlte sich notwendig an. Als unsere Arbeit wuchs, wuchs auch meine Rolle. Gemeinsam mit anderen Frauen begann ich, mich in der Interessenvertretung zu engagieren.

Wir traten mit lokalen Entscheidungsträgern und Behörden in Kontakt – etwa mit den Wasserversorgungsdiensten, der Stadtverwaltung, dem Grundbuchamt und der Gemeindepolizei. Wir brachten Beschwerden aus der Bevölkerung vor, verfolgten ungelöste Probleme weiter und setzten uns für praktische Lösungen ein.

Iqbal hält im Schulungszentrum im Irak einen Vortrag. Foto: WfWI Team

Manchmal bedeutete Unterstützung, Menschen Orientierung zu geben. Manchmal halfen wir ihnen, Zugang zu Dienstleistungen zu bekommen. Und manchmal bedeutete es kleine finanzielle Hilfe, wenn es keine andere Möglichkeit gab. Ich widmete dieser Arbeit den größten Teil meiner Zeit, weil ich überzeugt war, dass unsere Gemeinschaft sie braucht – und weil niemand mit solchen Problemen allein gelassen werden sollte.

Später nahm ich am Programm Stronger Women, Stronger Nations von Women for Women International teil. Die Sitzungen halfen mir, verschiedene Formen von Gewalt und Konflikten zu verstehen und zu erkennen, wie Friedensarbeit im Alltag aussehen kann – nicht nur als Wunsch, sondern als konkrete Entscheidungen und Verantwortung. Ich lernte mehr über Frauenrechte und über die rechtlichen Schutzmechanismen, die Frauen unterstützen sollen. Außerdem erwarb ich praktische Fähigkeiten in Gemeinschaftsarbeit, Interessenvertretung und Sensibilisierung. Ebenso lernte ich Grundlagen zur Entwicklung von Einkommensmöglichkeiten, zur Planung und zum Management kleiner Projekte.

Genauso wichtig war jedoch, dass das Programm mir half, mein Selbstvertrauen wieder aufzubauen. Nachdem wir 2014 alles verloren hatten, trug ich lange Angst in mir – die Angst zu scheitern und die Angst, noch einmal etwas aufzubauen und es wieder zu verlieren.

Mit stetiger Unterstützung und Ermutigung begann ich wieder, mir selbst zu vertrauen. Ich startete ein kleines Handarbeitsgeschäft von zu Hause aus, das unserer Familie wieder ein wenig Einkommen brachte. Es ging nicht nur um Geld. Es ging darum, sich wieder fähig zu fühlen.

Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich nicht nur Vertreibung und Verlust. Ich sehe auch die Schritte, die ich unternommen habe, um meine Familie aufrecht zu halten – und wie sich mein Leben verändert hat: vom bloßen Überleben hin dazu, etwas für andere beizutragen.

Ich glaube, Frieden beginnt damit, wie wir zu Hause miteinander umgehen und wie wir in der Gemeinschaft miteinander sprechen. Er wächst, wenn Menschen zuhören, statt einander zu beschuldigen.


Ich brauche keinen Titel, um zu wissen, was ich geschafft habe. Ich versuche einfach, das zu tun, was ich kann – dort, wo ich lebe, und mit den Menschen um mich herum.

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