Mein Name ist Linda: Muttersein in Zeiten des Krieges

Geschichten aus dem Irak

Ich wünsche mir, dass die ersten Geräusche, die mein Kind in dieser Welt hört, Stimmen der Liebe sind – nicht die des Krieges.

Mein Name ist Linda, und ich bin Programmmanagerin bei Women for Women International im Irak. Ich bin derzeit im achten Monat schwanger und habe große Angst. Nachts kann ich nicht schlafen. Ich bin nicht in meinem eigenen Zuhause, wo ich normalerweise in Erbil in der Kurdistan-Region im Irak lebe, und ich weiß nicht, ob der Ort, an dem ich mich gerade aufhalte, sicher ist, falls plötzlich die Wehen einsetzen.

Seit Beginn der US-israelischen Angriffe auf den Iran im Februar 2026 bin ich vorübergehend nach Hamdaniya in der Provinz Ninive gezogen. Der Krieg hat sich in der Region weiter verschärft, und leider glaube ich nicht, dass ich so bald nach Hause zurückkehren kann. Außerdem habe ich nicht die Kleidung und die Dinge bei mir, die ich für mich und mein Baby vorbereitet hatte.

Früher lebte ich im siebzehnten Stock eines Gebäudes in der Nähe des US-Konsulats in Erbil. Von meinen Fenstern aus konnte ich die Bombardierungen am Himmel sehen. Doch selbst hier in Hamdaniya sind wir von bewaffneten Gruppen umgeben, und die Geräusche von Beschuss verstärken meine Angst und Anspannung zusätzlich.

Wenn ich versuche, meine Gefühle zu beschreiben, ist meine Situation ganz anders als die einer Frau, die bereits Kinder hat. Eine Mutter, die ihr zweites Kind erwartet, weiß, wie man ein Neugeborenes versorgt und was auf sie zukommt. Für mich ist es jedoch die erste Schwangerschaft. Früher habe ich darüber nachgedacht, wie ich mich um mein Baby kümmern werde, wie es aufwachsen wird und wie ich Arbeit und Mutterschaft miteinander vereinbaren kann.

Doch jetzt haben sich meine Sorgen verdoppelt. Ich frage mich ständig: Wie kann ich ihm eine sichere Umgebung bieten? Wie kann ich einen ruhigen Ort für ihn schaffen, fern von Lärm und Angst? Eigentlich sollte dies die Zeit sein, in der ich mich mental, körperlich und emotional auf die Geburt vorbereite. Doch ich habe keinen Raum gefunden, um mich darauf vorzubereiten.

Körperlich bin ich erschöpft. Die Notlage hat enormen Druck bei der Arbeit mit sich gebracht, zusätzlich zu meinen Aufgaben zu Hause. Die vergangene Nacht war besonders schlimm. Ich war in Erbil, weil ich gehofft hatte, dass sich die Lage etwas beruhigt. Normalerweise bereiten wir uns mental vor, wenn wir entfernte Geräusche hören, weil wir damit rechnen, dass etwas passieren könnte. Doch letzte Nacht kam der Beschuss plötzlich, heftig und ganz nah.

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich durch Angst echte körperliche Schmerzen gespürt. Ich konnte die Drohnen mit eigenen Augen sehen und die Luftabwehr, die sie abfing – Explosionen direkt vor mir.

Linda überreicht Zertifikate bei der Abschlussfeier vom Adolescent Girls Programme, Irak, 2025.

Trotzdem weiß ich, dass ich ruhig bleiben muss – vor den Teilnehmerinnen, mit denen wir im Irak arbeiten. Ich empfinde eine große Verantwortung gegenüber den Frauen, die an unserem zwölfmonatigen Programm „Stronger Women, Stronger Nations“ teilnehmen. Als Team können wir es uns nicht leisten, sie unter solchen gefährlichen Bedingungen in den Zentren zu versammeln. Gleichzeitig möchten wir uns nicht von ihnen distanzieren, denn sie brauchen jetzt mehr denn je Unterstützung. Jeden Tag treffen wir schnelle Entscheidungen und versuchen, Sicherheit und Präsenz in Einklang zu bringen.

Besonders in Hamdaniya sind viele Frauen noch immer stark von der Zeit geprägt, als der IS dort präsent war. Viele von ihnen wurden damals vertrieben – ich selbst auch. Diese Erfahrungen haben bei vielen Frauen ein hohes Maß an Angst und Anspannung hinterlassen. Was mir Erleichterung verschafft hat, war zu hören, dass die Teilnehmerinnen entschlossen sind, weiterhin ins Zentrum zu kommen und an den Treffen teilzunehmen. Sie sagen, es helfe ihnen, ihre Gedanken zu ordnen und Stress abzubauen. Das Zusammensein gibt ihnen Kraft.

In solchen Momenten erkenne ich wirklich, was wir mit unserem Programm erreichen wollen: einen sicheren und unterstützenden Raum für Frauen zu schaffen. Selbst im Krieg wird das Zentrum zu einem Ort, an dem Frauen zusammenkommen, ihre Ängste teilen und sich gegenseitig stärken können.

Wenn wir diese Worte von den Teilnehmerinnen hören, fühlen auch wir als Team uns getragen.

Nach allem, was wir während der Zeit des IS und in den schwierigen Jahren im Irak durchgemacht haben, war die Kurdistan-Region für uns zu einem sicheren Ort geworden. Dort haben wir unser Leben neu aufgebaut. Doch jetzt fühlt sich selbst dieser Ort wieder wie ein Ort des Krieges an.

Ich hoffe, dass der Himmel über uns wieder ruhig sein wird, wenn ich mein Kind endlich zum ersten Mal in den Armen halte. Ich wünsche mir, dass die ersten Geräusche, die es in dieser Welt hört, Stimmen der Liebe sind – nicht die des Krieges.

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