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Vergesst Afghanistan nicht!

Unsere ehemalige Advocacy Koordinatorin in Afghanistan, Latifa, berichtet von ihrer Flucht nach Großbritannien, nachdem die Taliban im August die Macht über ihr Heimatland übernahmen.

Ich weiß noch, was das Schlimmste daran war, Afghanistan zu verlassen. Es war nicht die Angst, die ich verspürte, als ich die ganze Nacht vor den Toren des Kabuler Flughafens wartete. Oder zu sehen, wie mein kleiner Bruder und mein Vater geschlagen wurden, als wir versuchten, durch die Kontrollposten zu kommen. Auch das war sehr schwierig. Am schwierigsten war es aber, als das Flugzeug abhob und ich mich umschaute und sah, dass es voller Kinder, Mütter und Familien war – mein Herz brach für das Land, das ich zurückließ. Ich konnte nicht aufhören zu weinen. Was hat Afghanistan getan, um dieses Schicksal zu verdienen? 

Ich bin entschlossen, eine Stimme für die marginalisierten Frauen in Afghanistan zu sein und dafür zu sorgen, dass die Welt sie nicht vergisst.

- Latifa.
Latifa, Women for Women International Mitarbeiterin im Landesbüro Afghanistan (Fotos: WfWI; @droring)
Latifa, Women for Women International Mitarbeiterin im Landesbüro Afghanistan (Fotos: WfWI; @droring)

Früher hatte ich einen Plan für mein Leben. Ich studierte Jura an der Universität Kabul, als erste Frau in meiner Familie, die einen Abschluss machte. Dann arbeitete ich als Advocacy-Koordinatorin für Women for Women International und half Frauen, die den Krieg überlebt hatten, beim Wiederaufbau ihres Lebens. Ich war so stolz auf meine Arbeit. Jetzt weiß ich nicht, was meine Zukunft bringt. Es ist ein seltsames Gefühl, zu wissen, dass mein Leben komplett in den Händen des britischen Innenministeriums liegt. Ich habe hier ein Jobangebot, aber ich muss auf eine Arbeitserlaubnis und eine Wohnung warten. Dennoch weiß ich, wie viel Glück ich habe. Ich lebe in Frieden, habe etwas zu Essen und meine Familie ist in Sicherheit. 

Den Menschen zu Hause geht es anders. Es ist so schwer, mit meinen Verwandten zu sprechen und zu hören, dass sie sich lediglich ein klein wenig Brot zu Essen leisten können. Sie erzählen mir von Familien, die hungern, und nur einmal am Tag essen. Die ihr Hab und Gut verkaufen, und sogar ihre Töchter zur Heirat weggeben, weil sie so verzweifelt sind. Obwohl ich hier in Sicherheit bin, werde ich sie nicht vergessen. Zusammen mit anderen afghanischen Flüchtlingsfrauen war ich in Westminster, um mit Entscheidungsträger*innen zu sprechen und an die kollektive Verantwortung der internationalen Gemeinschaft zu appellieren. Ich bin der britischen Regierung sehr dankbar für die Hilfe für mich und meine Familie und für die Freundlichkeit, die mir die Menschen hier entgegengebracht haben. Aber die Einfrierung der Hilfsgelder für Afghanistan hat zu einer Wirtschaftskrise geführt, unter der die Familien jetzt immens leiden. Die internationale Gemeinschaft muss die Hilfeleistungen für Afghanistan fortführen, damit die Menschen in diesem Winter nicht hungern müssen.

Es ist nicht die Schuld der Menschen, dass ihre Regierung gewechselt hat, warum müssen sie also den Preis dafür zahlen?

- Latifa.

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Ich weiß, dass die Priorität von Women for Women International jetzt auf den akuten Bedürfnissen der Frauen in Afghanistan liegt, besonders in den Bereichen physische und mentale Gesundheit. Ich bin traurig, dass ich meine Arbeit dort nicht fortsetzen kann, aber ich bin entschlossen, eine Stimme für die marginalisierten Frauen in Afghanistan zu sein und dafür zu sorgen, dass die Welt sie nicht vergisst. Ich konnte es kaum glauben, als eine Künstlerin ein Bild von meinem Foto gemalt hat und hoffe, es bewirkt etwas Gutes und erreicht viele Menschen.
Manchmal fühlt sich London so sehr wie Kabul an, weil es auch eine geschäftige, quirlige Stadt ist, und ich vergesse, dass ich ein Flüchtling bin. Als ich nach meiner Flucht aus Afghanistan im August zum ersten Mal hier ankam, war ich erleichtert. Ich verbrachte Stunden damit, durch die Stadt zu laufen. Ich fand einen Park namens Russell Square Gardens, in dem ich mich manchmal glücklich und manchmal düster und hoffnungslos fühlte. In diesem Park habe ich meine besten und schlechtesten Zeiten erlebt, seit ich mein Land verlassen habe, und er ist jetzt ein ganz besonderer Ort für mich.