Wir haben Frauen, die Krieg und Konflikt erleben, gefragt: „Wenn heute Frieden in deinem Land wäre – was würdest du als Erstes tun?“
Ihre Antworten sind schlicht – und zugleich tief bewegend: Häuser wieder aufbauen, ohne Angst schlafen, ein kleines Geschäft führen oder geliebte Menschen sorgenfrei in den Arm nehmen. Von Gaza über Südsudan, von der Demokratischen Republik Kongo bis in die Ukraine erinnern uns diese Stimmen daran, was echter Frieden bedeutet: Sicherheit, Würde und die Chance, das eigene Leben hoffnungsvoll neu aufzubauen.
Frauen erzählen, was sie tun würden, wenn Frieden herrschte:
Change Agent Eunice mit ihrem Kinde. Credit: WfWI
„Ich würde mein Haus wieder aufbauen und dort mit meinen Kindern leben.“
– Witwe, Mutter von vier Kindern, vertrieben in Khan Younis, Gaza
„Ich würde die Freiheit genießen, mich sicher bewegen zu können, damit ich mein Geschäft weiterführen kann.“
– Nsimire Esther, Kidjaga, Demokratische Republik Kongo
„Ich würde jede Nacht tief schlafen. Ich würde nicht mehr mit Angst und der Furcht vor Beschuss ins Bett gehen.“
– Hanan, 22, Gaza
„Ich würde aufatmen und meine Liebsten ohne Angst umarmen. Ich würde durch die Ukraine reisen, um unser Team und die Frauen, die wir unterstützen, zu sehen – nicht wegen des Krieges, sondern wegen des Lebens, der Freude und des gemeinsamen Wiederaufbaus.“
– Anna, unsere Partnerin in der Ukraine, von der Andreiev Family Foundation
„Frieden bedeutet, Familien in Not zu unterstützen und eine Kultur der Liebe und des Bewusstseins zu verbreiten.“
– Mai Abbas Ali, Freiwillige, Sudanese Family Planning Association, Sudan
Die Antworten auf diese einfache Frage zeigen etwas Kraftvolles: Wenn Frauen sich Frieden vorstellen, sprechen sie von Sicherheit, Chancen, Würde und von den alltäglichen Momenten eines normalen Lebens. Ihre Worte erinnern uns daran, dass Frieden nicht nur in Verhandlungsräumen entsteht, sondern durch die Hoffnungen, Bedürfnisse und die Führung von Frauen in ihren Gemeinschaften aufgebaut wird.
Diesen Stimmen zuzuhören und Frauen auf allen Ebenen der Friedensarbeit einzubeziehen, ist entscheidend, um eine Zukunft zu schaffen, in der Frieden dauerhaft, inklusiv und von denen gestaltet ist, die seinen Wert am besten kennen.
Im Jahr 2024 erlebte die Welt mehr Konflikte als je zuvor in der jüngeren Geschichte, mit über 185 bewaffneten Konflikten weltweit, darunter 61 aktive staatlich geführte Konflikte, die höchste Zahl seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1946. Schätzungsweise 676 Millionen Frauen und Mädchen lebten innerhalb von 50 Kilometern Entfernung zu diesen Konflikten, was bedeutet, dass fast jede fünfte Frau weltweit direkt von Gewalt und Instabilität betroffen war.
Trotzdem bleiben Frauen, obwohl sie die Konsequenzen des Krieges tragen, weitgehend von Friedensverhandlungen ausgeschlossen, was eine eklatante Lücke zwischen gelebter Erfahrung und Entscheidungsfindung am Friedensverhandlungstisch hinterlässt.
Fakt 1: Frauen sind in Friedensprozessen nach wie vor unterrepräsentiert
Trotz globaler Verpflichtungen zur Geschlechtergleichstellung machen Frauen nur einen kleinen Bruchteil der Entscheidungsträger*innen in Friedensprozessen aus. Im Jahr 2024 zeigte die verfügbare weltweite Datenlage, dass Frauen im Durchschnitt nur 7% der Verhandlungsführenden und 14% der Vermittler*innen in formellen Friedensprozessen weltweit ausmachten – und viele Friedensgespräche schließen noch immer keine Frauen ein.
Diese Zahlen zeigen, dass trotz der Verabschiedung der UN-Sicherheitsratsresolution 1325 vor 26 Jahren, die die Notwendigkeit der bedeutungsvollen Teilnahme von Frauen an Friedens- und Sicherheitsbemühungen betonte, der Fortschritt begrenzt und fragil bleibt.
Fakt 2: Frauen wollen, dass ihre Stimmen gehört werden
Frauen äußern immer wieder den starken Wunsch, an Friedensaufbau und Konfliktprävention beteiligt zu sein. Durch die „From Asking to Action“-Konsultation von Women for Women International teilten Frauen in konfliktbetroffenen Ländern mit, wie sie bereits daran arbeiten, Gewalt zu verhindern und Frieden in ihren Gemeinschaften zu fördern.
Im Irak sagten 75% der befragten Frauen, dass sie sich während Krisenzeiten für Frieden und Konfliktlösung einsetzen, um eine Eskalation zu verhindern. Im Südsudan beschrieben 55% der Frauen, wie sie sich an Dialogen und Mediationen auf Gemeindeebene beteiligen, während 60% angaben, aktiv für den Frieden zu werben. In der Demokratischen Republik Kongo sagten überwältigende 97% der Frauen, dass sie glauben, dass Frauen eine entscheidende Rolle bei der Verhinderung von Konflikten spielen.
Wir müssen Teil der Lösung sein. Wir wissen besser als jeder andere, was wir brauchen.
Teilnehmerin der „From Asking To Action“-Konsultation, Ukraine.
Fakt 3: Die Einbeziehung von Frauen verbessert die Qualität und Dauerhaftigkeit von Friedensvereinbarungen
Forschung zeigt, dass die Einbeziehung von Frauen in Friedensvereinbarungen nach Konflikten die Wahrscheinlichkeit einer Wiederaufnahme des Konflikts um bis zu 37% verringert.
In vielen Friedensprozessen werden diejenigen, die Kriege anzetteln, an den Verhandlungstisch eingeladen, während diejenigen, die echten Frieden suchen, wie zum Beispiel Frauengruppen, an den Rand gedrängt werden. Im Jahr 2024 wurden nur im Südsudan Friedensvereinbarungen unterzeichnet, bei denen Vertreterinnen von Frauengruppen als Unterzeichnende beteiligt waren.
Fakt 4: Frauen sind entscheidend für den Wiederaufbau stärkerer Gemeinschaften
Jenseits des Verhandlungstisches spielen Frauen eine wesentliche Rolle bei der Resilienz der Gemeinschaften und beim Friedensaufbau auf lokaler Ebene. In vielen Konfliktzonen haben Frauengruppen lokale Vereinbarungen vermittelt, Gewalt entschärft und Versöhnungsbemühungen lange nach dem Ende formeller Gespräche aufrechterhalten.
Ihr Fehlen in formellen Friedensprozessen untergräbt nicht nur die Legitimität der Friedensbemühungen, sondern verpasst auch eine wichtige Gelegenheit, die gesamte Bandbreite an gelebten Erfahrungen und Lösungen zu nutzen, die Frauen einbringen.
Fakt 5: Die Teilnahme von Frauen schützt ihre Rechte und Sicherheit
Wenn Frauen bedeutungsvoll in Friedensverhandlungen und den Wiederaufbau nach Konflikten einbezogen werden, ist es wahrscheinlicher, dass die Vereinbarungen Themen ansprechen, die Frauen direkt betreffen: Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung, wirtschaftlichen Chancen, rechtlichen Schutzmaßnahmen und Mechanismen zur Verhinderung von geschlechtsspezifischer Gewalt.
Dies schafft einen inklusiveren, gerechteren und nachhaltigeren Frieden, in dem Frauen sicherer und wirtschaftlich sowie sozial stärker sind.
Women for Women International arbeitet mit Frauen zusammen, die Überlebende von Konflikten sind, und unterstützt sie dabei, ihr Leben wieder aufzubauen, indem sie Zugang zu Bildung, wirtschaftlichen Chancen und sozialen Netzwerken erhalten. Wenn Frauen gestärkt werden, werden sie zu Agentinnen des Wandels, stärken Familien, unterstützen Gemeinschaften und tragen zu nachhaltigem Frieden bei. Ihre Führung auf der Gemeindeebene zeigt, warum ihre Einbeziehung in nationale und internationale Friedensprozesse so entscheidend ist.
Ohne Frauen kein Frieden: Warum Deutschlands Einsatz für die Agenda Frauen, Frieden und Sicherheit jetzt entscheidend ist
Wenn über Krieg und Frieden verhandelt wird, sitzen diejenigen, die die Folgen von Gewalt tagtäglich tragen, noch immer viel zu selten mit am Tisch. Dabei ist längst belegt: Frieden wird nachhaltiger, gerechter und stabiler, wenn Frauen ihn mitgestalten.
Zum Weltfrauentag rücken wir die Rolle von Frauen im Friedensaufbau in den Mittelpunkt und fragen kritisch: Wird das Potenzial von Frauen in der Friedensarbeit wirklich genutzt?
Frauen sind von Konflikten besonders betroffen
2024 war eines der gewaltreichsten Jahre seit Beginn der systematischen Erfassung bewaffneter Konflikte. Weltweit leben hunderte Millionen Frauen und Mädchen in unmittelbarer Nähe von Krieg und Gewalt. Sie verlieren Angehörige, Lebensgrundlagen und Sicherheit – und sind dabei überproportional von sexualisierter Gewalt betroffen.
Trotzdem bleiben Frauen in Friedensprozessen weitgehend ausgeschlossen. Global sind sie nur ein sehr kleiner Teil von Verhandlungsführerinnen. Auch 25 Jahre nach der UN-Resolution 1325, dem Grundpfeiler der Frauen-, Frieden-, Sicherheits-Agenda, klafft eine Lücke zwischen politischen Bekenntnissen und der Realität.
Frauen sind nicht „nur Betroffene“ – sie sind Friedensstifterinnen
Frauen in Konfliktregionen sind keine passiven Opfer. Sie verhandeln lokal Waffenruhen, vermitteln zwischen Konfliktparteien, verhindern Eskalationen, organisieren humanitäre Hilfe und halten Gemeinschaften zusammen, wenn staatliche Strukturen versagen.
Studien zeigen: Friedensabkommen, an denen Frauen beteiligt sind, halten deutlich länger. Sie berücksichtigen häufiger soziale Gerechtigkeit, Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, wirtschaftliche Teilhabe und den Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt.
Ohne diese Perspektiven bleiben Friedensabkommen oft oberflächlich – und vor allem wenig beständig.
Erfahrungen aus der Arbeit von Women for Women International zeigen: Frauen wollen gehört werden und sie sind aktiv. In zahlreichen Krisenkontexten setzen sie sich für Dialog, Gewaltprävention und Versöhnung ein. Sie wissen selbst am besten, was ihre Gemeinschaften brauchen, um Sicherheit und Stabilität wieder aufzubauen und eine Zukunft zu formen, in der Frauen und Mädchen sicher und gleichberechtigt sind.
Aus der Praxis: Wie Hadiza Frieden in ihrer Gemeinde gestaltet
Hadiza lebt in einem ländlichen Dorf im Norden Nigerias. Sie wurde mit zwölf Jahren verheiratet, musste die Schule abbrechen und erlebte mehrfach Gewalt und Vertreibung durch bewaffnete Konflikte. Nach dem Tod ihres Mannes versuchte seine Familie, sie zu einer erneuten Heirat zu zwingen und ihr das Land zu entziehen – eine existenzielle Bedrohung für sie und ihre sieben Kinder.
Durch ihre Teilnahme am Schulungsprogramm „Stronger Women, Stronger Nations“ von Women for Women International lernte Hadiza ihre Rechte kennen und begann, sie einzufordern. Mit juristischer Unterstützung sicherte sie ihr Land, baute eine eigene Existenz auf und wurde schließlich als Change Agent ausgewählt.
Heute setzt sich Hadiza aktiv gegen geschlechtsspezifische Gewalt in ihrer Gemeinde ein. Gemeinsam mit anderen Frauen forderte sie erfolgreich die Einrichtung eines lokalen Polizeipostens inklusive einer weiblichen Polizeibeamtin, um den Zugang für von Gewalt betroffene Frauen zu erleichtern.
Sie begleitet Überlebende von Gewalt, spricht öffentlich über Frauenrechte und hat bereits zahlreiche schwere Fälle von häuslicher und sexualisierter Gewalt zur Anzeige gebracht – und das trotz persönlicher Bedrohungen.
Hadizas Geschichte zeigt: Wenn Frauen Zugang zu Wissen, Netzwerken und politischem Handlungsspielraum haben, werden sie zu zentralen Akteurinnen von Sicherheit, Gerechtigkeit und Frieden – bereits lange bevor formelle Friedensverhandlungen beginnen.
Deutschlands Rolle: Gute Ansätze, aber noch zu wenig Konsequenz
Deutschland bekennt sich zur Frauen-, Frieden-, Sicherheits-Agenda und hat entsprechende Strategien und Aktionspläne verabschiedet. Das ist wichtig. Doch für den noch ausstehenden und dann umzusetzenden Nationalen Aktionsplan (NAP) ist aus der Erfahrung der Praxis vor allem entscheidend:
Frauenorganisationen aus Konfliktregionen frühzeitig und nicht nur symbolisch in Friedensprozesse einzubinden.
Mittel für frauenfokussierte Friedensarbeit und lokale Fraueninitiativen ins Verhältnis zu ihrer nachweislichen Wirkung zu setzen.
Sicherheitspolitik menschenzentriert statt primär militärisch zu denken.
Wenn Deutschland international glaubwürdig für Frieden eintreten will, muss es Frauen nicht nur erwähnen, sondern konsequent beteiligen – von der Krisenprävention über Verhandlungen bis zum Wiederaufbau.
Frieden beginnt bei der Stärkung von Frauen
Women for Women International arbeitet seit über 30 Jahren mit Frauen in Konflikt- und Kriegsregionen. Wenn Frauen Zugang zu Bildung, Einkommen und sozialen Netzwerken haben, werden sie zu Trägerinnen von Veränderung:
Sie stärken Familien, stabilisieren Gemeinschaften und tragen aktiv zu einem Frieden bei, der auch für zukünftige Generationen Bestand hat.
Der Weltfrauentag ist eine Erinnerung daran, dass Frieden ohne Frauen kein Frieden ist.
Jetzt ist der Moment, politische Zusagen in konkretes Handeln zu übersetzen und Frauen als das anzuerkennen, was sie sind: unverzichtbare Akteurinnen für nachhaltigen, inklusiven Frieden.
Lerne mutige Frauen kennen, die trotz widriger Umstände Veränderungen bewirken
Frauen spielen seit Langem eine zentrale Rolle im Friedensaufbau. Oft arbeiten sie auf lokaler Ebene daran, Gemeinschaften zu heilen, Ungerechtigkeit entgegenzutreten und Gewalt zu beenden. Dennoch wurden ihre Beiträge in formellen Friedensprozessen häufig übersehen. Ob sie gewaltfreie Bewegungen anführen, sich für Menschenrechte einsetzen oder Gesellschaften nach Konflikten wieder aufbauen – Friedensstifterinnen bringen einzigartige Perspektiven und nachhaltige Lösungen für einige der komplexesten Herausforderungen unserer Welt ein. Dieser Blog beleuchtet die Arbeit inspirierender Frauen, die weltweit Friedensbemühungen geprägt haben, und erinnert uns daran, warum weibliche Führung entscheidend für die Verwirklichung eines nachhaltigen und inklusiven Friedens ist.
Rigoberta Menchú Indigene Aktivistin aus Guatemala
Rigoberta Menchú hat ihr Leben dem Einsatz für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit gewidmet. Mit der Verleihung des Friedensnobelpreises im Jahr 1992 wurde ihr Engagement international gewürdigt. Ihr Wirken zeigt eindrucksvoll, wie der Einsatz für Gerechtigkeit die Grundlage für Frieden in Gesellschaften nach Konflikten schaffen kann.
„Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden – und ohne Fairness keine Gerechtigkeit.“ — Rigoberta Menchú
Rigoberta Menchú. Credit: Carlos Rodriguez
Ellen Johnson Sirleaf Afrikas erste demokratisch gewählte präsidentin – führte Liberia durch den wiederaufbau nach dem bürgerkrieg
Nach zwei nahezu aufeinanderfolgenden Bürgerkriegen, die Liberia über mehr als ein Jahrzehnt hinweg zerrissen hatten, wurde Ellen Johnson Sirleaf 2005 zur Präsidentin der Republik Liberia gewählt.
Als erste demokratisch gewählte weibliche Staatschefin Afrikas spielte sie eine zentrale Rolle als eine der Führungspersönlichkeiten der Bewegung Women of Liberia Mass Action for Peace, die maßgeblich dazu beitrug, den langjährigen Konflikt zu beenden. Unter dem Spitznamen „Afrikas Eiserne Lady“ führte Präsidentin Sirleaf das Land durch eine Phase stabiler Erholung und setzte sich besonders für die Rechte von Frauen ein.
Für ihren Mut und ihr Engagement wurde Präsidentin Sirleaf 2007 mit der U.S. Presidential Medal of Freedom und 2011 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
„Diejenigen von uns, die das Privileg von Bildung und Erfahrung genießen, müssen Vorbilder für die nächste Generation von Friedensführerinnen und Friedensführern sein.“ — Ellen Johnson Sirleaf
Shirin Ebadi Iranische Menschenrechtsanwältin und Verfechterin von Demokratie sowie der Rechte von Kindern und Frauen
Shirin Ebadi ist eine iranische Anwältin und Menschenrechtsaktivistin, die seit Jahrzehnten die Rechte von Frauen, Kindern und marginalisierten Gemeinschaften verteidigt. Mit der Verleihung des Friedensnobelpreises im Jahr 2003 wurde ihr Engagement international anerkannt. Ihre Arbeit unterstreicht den untrennbaren Zusammenhang zwischen Gerechtigkeit, Menschenrechten und dauerhaftem Frieden.
„Menschenrechte sind ein universeller Maßstab und ein wesentlicher Bestandteil des Friedens für alle Zivilisationen.“ — Shirin Ebadi
Shirin Ebadi. Credit: Nashirul Islam
Tawakkol Karman Journalistin und Menschenrechtsaktivistin, maßgeblich an den Protesten des Arabischen Frühlings im Jemen beteiligt
Tawakkol Karman spielte eine zentrale Rolle bei den Protesten des Arabischen Frühlings. Ihr furchtloses Eintreten für Demokratie und Menschenrechte brachte ihr 2011 den Friedensnobelpreis ein und inspirierte Frauen in von Konflikten betroffenen Regionen weltweit.
„Wir müssen stark bleiben und uns selbst vertrauen, um eine neue, friedliche Zukunft aufzubauen.“ — Tawakkol Karman
Tawakkol Karman. Credit: Nashirul Islam
Nadia Murad Überlebende der IS-Geiselhaft, die sich für Opfer von Völkermord und sexueller Gewalt einsetzt
Nadia Murad, Überlebende der IS-Geiselhaft, ist heute eine führende Fürsprecherin für Opfer sexueller Gewalt in Konflikten. Für ihr Engagement wurde sie 2018 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Sie setzt sich dafür ein, dass Überlebende Gerechtigkeit, Verantwortung und Würde erfahren, und betont, dass Frieden ohne Gerechtigkeit nicht möglich ist.
„Wir müssen uns weiterhin dem Wiederaufbau von Gemeinschaften widmen, die durch Völkermord zerstört wurden. Überlebende verdienen einen sicheren Weg nach Hause oder eine sichere Zuflucht anderswo.“ — Nadia Murad
Nadia Murad. Credit: Foreign, Commonwealth and Development Office
Wangari Maathai Gründerin der Green Belt Movement – verbindet Umweltschutz mit Frieden und Frauenförderung
Wangari Maathai gründete die Green Belt Movement, die Umweltschutz mit der Stärkung von Frauen und sozialer Gerechtigkeit in Kenia verknüpft. Für ihr Engagement wurde sie 2004 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Sie zeigte, wie die Sorge um die Umwelt Gemeinschaften stärken und Frieden fördern kann.
„Jede*r Einzelne kann einen Unterschied machen… und gemeinsam bewirken wir Veränderung.“ — Wangari Maathai
Wangari Maathai. Credit: Martin Rowe
Jody Williams Mitbegründerin der Internationalen Kampagne zur Ächtung von Landminen – setzt sich für globalen Frieden und Sicherheit ein
Jody Williams gründete die Internationale Kampagne zur Ächtung von Landminen mit und machte so die weltweite Öffentlichkeit auf die verheerenden Auswirkungen von Landminen auf das Leben con Zivilist*innen aufmerksam. Für ihr unermüdliches Engagement wurde sie 1997 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Ihr Wirken zeigt, wie kontinuierlicher Aktivismus zu bedeutenden internationalen Veränderungen führen kann.
„Frieden ist keine Taube, die über einen Regenbogen fliegt – es ist eine Verantwortung, für die wir jeden Tag arbeiten müssen.“ — Jody Williams
Jody Williams. Credit: UN Women/Catianne Tijerina
Leymah Gbowee Führte eine Frauenbewegung an, die 2003 zur Beendigung des Bürgerkriegs in Liberia beitrug
Leymah Gbowee mobilisierte Frauen in Liberia über religiöse und gesellschaftliche Grenzen hinweg, um 2003 ein Ende des Bürgerkriegs herbeizuführen. Ihre Führungsrolle im gewaltfreien, basisnahen Aktivismus brachte ihr 2011 den Friedensnobelpreis ein und zeigt die transformative Kraft kollektiven Handelns von Frauen im Friedensaufbau.
„Man kann keinen dauerhaften Frieden verhandeln, ohne Frauen in die Bemühungen einzubeziehen.“ — Leymah Gbowee
Leymah Gbowee. Credit: Ulisses Dumas
Stehe an der Seite von konfliktbetroffenen Frauen weltweit
Unterstütze eine vom Krieg betroffene Frau mit unserem einjährigen Programm „Stronger Women, Stronger Nations“. Deine Solidarität unterstützt sie dabei, ihre Stimme zu erheben, ihre Stärke zu erkennen und ihr Leben neu aufzubauen.
Women for Women International – Krisenbeobachtungsliste
Unsere Krisenbeobachtungsliste 2026 hebt jene Notlagen hervor, in denen die Bedürfnisse von Frauen übersehen werden und in denen dringend langfristige, geschlechtersensible Unterstützung erforderlich ist.
Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern bietet einen Überblick darüber, wo wir im kommenden Jahr – angesichts unserer Größe, geografischen Präsenz und Fachkompetenz – am wirkungsvollsten reagieren können.
Afghanistan
Afghanistan hat Jahrzehnte von Konflikten und Unsicherheit erlebt. Nachdem die De-facto-Behörden im August 2021 die Kontrolle übernommen hatten, wurden die meisten internationalen Finanzmittel gestrichen und die Wirtschaft brach zusammen. Frauen ist der Zugang zu den meisten Arbeitsplätzen verwehrt, was Haushalte und Wirtschaft zusätzlich belastet. Klimakatastrophen wie Dürren und Erdbeben haben die Ernährungsunsicherheit verschärft; 12,6 Millionen Menschen sind von Hunger auf Krisenniveau betroffen. Da Frauen und Mädchen weder Universitäten noch Cafés besuchen oder sogar einen Spaziergang im Park machen dürfen, sind sie verzweifelt auf der Suche nach Orten, an denen sie zusammenkommen, lernen und sich weiterentwickeln können.
Afghanische Frauen in einer Rechentrainingsklasse im Rahmen des Programms „Stronger Women, Stronger Nations“ von Women for Women International. Credit: Rada Akbar
Wie Women for Women International reagiert:
Seit 2002 sind wir in fünf Provinzen Afghanistans tätig und haben 143.375 Frauen und Mädchen in einem von ihnen gewählten Beruf sowie im Sparen von Geld geschult – damit sie Versorgerinnen und Entscheidungsträgerinnen in ihren Gemeinschaften werden können. Trotz zahlreicher Hürden führen wir unser Programm „Stronger Women, Stronger Nations“ sowie Nothilfemaßnahmen in Herat und Torkham fort. Dort stellen wir Erdbebenüberlebenden und aus Pakistan zurückkehrenden Flüchtlingen Unterkünfte, Kleidung, Hygienepakete, Entbindungshilfe und psychosoziale Unterstützung zur Verfügung.
Demokratische Republik Kongo (DRK)
Die DRK blickt auf eine lange Geschichte von Gewalt, brutaler Unterdrückung durch das Kolonialregime und weitverbreiteten Konflikten während des Unabhängigkeitskampfes zurück. Derzeit sind mit 8 Millionen Menschen so viele Personen wie nie zuvor innerhalb des Landes vertrieben, während drei ausländische Armeen und über 120 lokale bewaffnete Gruppen um die Kontrolle seltener Erden konkurrieren. Mit dem Zusammenbruch der Gesundheits- und Sanitärsysteme bedrohen Krankheiten wie Cholera, Masern und Ebola die kriegsmüden Gemeinschaften. Frauen und Mädchen leiden unverhältnismäßig stark unter hoher Gewalt und extremer Armut. In den letzten Monaten haben bewaffnete Gruppen unsere Programme in Süd-Kivu bedroht.
Wie Women for Women International reagiert:
Seit 2004 schulen wir Frauen in der DRK sowohl in praktischen Fähigkeiten als auch in sozialer Selbstbestimmung. Ein zentraler Bestandteil ist der Zugang zu Dorfspar- und Kreditgruppen (Village Savings and Loan Associations, VSLAs), um Einkommen zu generieren und Ersparnisse aufzubauen. 98 % unserer Teilnehmerinnen in der DRK geben an, bei Abschluss des Programms einen Teil ihres Einkommens zu sparen – gegenüber 23 % bei der Aufnahme. Wir setzen zudem unser Männer-Einbindungsprogramm fort, das häusliche Gewalt und finanzielle Kontrolle wirksam reduziert. Da die Gewalt näher rückt, haben wir Notfallpläne für unsere Teams aktiviert und führen regelmäßige Check-ins mit den Teilnehmerinnen durch.
Myanmar
Im August 2017 zwang ein tödliches Vorgehen der myanmarischen Armee gegen die Rohingya-Muslime Hunderttausende zur Flucht nach Bangladesch. Berichte über Vergewaltigungen, Morde und Verstümmelungen schockierten die Welt. Im Februar 2021 stürzte das Militär die demokratisch gewählte Regierung, machte ein Jahrzehnt des Fortschritts zunichte und stürzte das Land in weiteres Chaos. Heute benötigen schätzungsweise 9,7 Millionen Frauen und Mädchen dringend humanitäre Hilfe, und die Rate von Kinderehen ist um 20 % gestiegen, da Familien vermeintlichen Schutz und Überlebensstrategien suchen.
Wie Women for Women International reagiert:
Über unseren Fonds für Konfliktreaktionen arbeiten wir mit lokalen Partnern zusammen, um Frauen und Mädchen im Norden des Bundesstaates Rakhine sowie im benachbarten Cox’s Bazar in Bangladesch zu erreichen, wo viele Rohingya-Gemeinschaften leben. Wir bieten Alphabetisierung, Rechenunterricht, Lebenskompetenzen und berufliche Ausbildung an, um Widerstandskraft und wirtschaftliche Perspektiven zu stärken. In den Flüchtlingslagern von Cox’s Bazar bauen wir die Kapazitäten lokaler Gemeindelehrkräfte aus und führen Sitzungen mit Familienangehörigen jugendlicher Mädchen durch, um tief verwurzelte Vorstellungen über die Rolle und Teilhabe von Frauen zu verändern.
Palästina
Seit Oktober 2023 wurden in Gaza über 70.000 Menschen getötet, 90 % der Bevölkerung vertrieben und die gesamte Bevölkerung von 2 Millionen Menschen ist von Hunger auf Krisenniveau betroffen. Auch im Westjordanland nehmen Morde, häusliche Gewalt und wirtschaftliche Not zu, wo Palästinenser unter einer erdrückenden Blockade leben. Obwohl die Intensität des Konflikts derzeit abgenommen hat, sind die Herausforderungen noch lange nicht bewältigt. Mit der zerstörten Infrastruktur Gazas und dem kollabierten Gesundheitssystem ist der Bedarf an sofortiger und uneingeschränkter humanitärer Hilfe weiterhin enorm.
Unser Partner in Gaza gibt Essen an Frauen und Kinder aus. Credit: WfWI
Wie Women for Women International reagiert:
Wir unterstützen unsere Partner in Gaza bei der Bereitstellung lebensrettender Nahrungsmittel, warmer Kleidung, Decken, Windeln für Babys, Hygienepaketen und traumasensibler psychosozialer Beratung. Gemeinsam haben wir Familien mehrfach evakuiert, Zeltlager aufgebaut und über zwei Jahre hinweg eine Gemeinschaftsküche betrieben. Im August 2025 starteten wir unser Kernprogramm „Stronger Women, Stronger Nations“ im Gebiet Hebron H2 – einer der am stärksten militarisierten und rechtlich komplexesten Regionen des Westjordanlands. Das an das Leben in einer aktiven Kriegszone angepasste Programm vermittelt berufliche Fähigkeiten, Gesundheits- und Wellnesswissen, Rechtsaufklärung und Friedensarbeit.
Sudan
Seit dem Ausbruch der Kämpfe im April 2023 wurden mehr als 150.000 Menschen getötet und 19,2 Millionen Menschen vertrieben. Eine Hungersnot hält das Land seit über einem Jahr im Griff, mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist auf lebensrettende Hilfe angewiesen – damit handelt es sich um die größte humanitäre Krise aller Zeiten. Tod durch Verhungern ist alltäglich, und das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen. Zivilisten sind häufigen Angriffen ausgesetzt, Frauen werden in alarmierendem Ausmaß vergewaltigt, versklavt und getötet.
Wie Women for Women International reagiert:
Über unsere lokalen Partner im Rahmen des Konfliktreaktionsfonds versorgen wir Frauen im Sudan mit dringend benötigter Hilfe wie Nahrung, Unterkunft und Gesundheitsversorgung. Zur Bekämpfung der wachsenden Hungersnot verteilen unsere Partner Notfall-Lebensmittelpakete an vertriebene Frauen und Mädchen. Neben der Ausbildung von Hebammen und der Unterstützung mobiler Kliniken bieten wir Traumaberatung für Überlebende geschlechtsspezifischer Gewalt an, dokumentieren Vergewaltigungsfälle und führen gemeindebasierte Präventionsprogramme durch.
Südsudan
Der jüngste Staat der Welt ist seit seiner Unabhängigkeit vom Sudan im Jahr 2011 von politischer Instabilität, interkommunalen Spannungen und gewaltsamen Auseinandersetzungen geprägt. Durch den Krieg im Sudan sind bereits über eine Million Menschen in den Südsudan geflohen. Die Preise für Grundnahrungsmittel haben sich vervierfacht, während Arbeitsplätze verschwunden sind. Für Frauen und Mädchen erhöht der sich verschärfende Klimawandel und die Abholzung die Gefahren zusätzlich – sie werden regelmäßig von umherziehenden Soldaten entführt oder Opfer von Gewalt.
Aba, eine Teilnehmerin unseres Programms „Stronger Women, Stronger Nations“ im Südsudan, hält im Rahmen ihrer landwirtschaftlichen Ausbildung ein Messinstrument für die Feldarbeit. Credit: Charles Atiki Lomodong
Wie Women for Women International reagiert:
Women for Women International ist seit 2006 im Südsudan tätig und arbeitet mit vertriebenen Frauen sowie Überlebenden sexueller und körperlicher Gewalt. Im Rahmen unseres Programms „Stronger Women, Stronger Nations“ wählen Frauen verschiedene berufliche Ausbildungswege, darunter Backen, Nähen und Landwirtschaft. Sie stärken ihre Fähigkeiten im Geldverdienen und Sparen, um ihren Lebensunterhalt nachhaltig zu sichern. Zusätzlich führen wir unsere Programme „Change Agents“ und „Men’s Engagement“ durch, um Frauenrechte zu fördern und Gemeinschaften zu verändern. Angesichts jüngster Entführungen bieten wir Mitarbeitenden zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen und Traumaberatung an.
Syrien
Der 14 Jahre andauernde Bürgerkrieg mag beendet sein, doch die humanitäre Krise in Syrien ist noch lange nicht vorbei. Jahre des Konflikts haben 7,2 Millionen Menschen vertrieben und 90 % der Bevölkerung unter die Armutsgrenze gedrückt. Der Sturz des Assad-Regimes bringt große Unsicherheit mit sich, da Flüchtlinge in ein Land ohne Arbeitsplätze, Wohnraum oder Stabilität zurückkehren. Strom steht oft nur ein bis zwei Stunden täglich zur Verfügung, und die Wasserkrise bedeutet, dass Millionen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Viele Frauen haben während des Krieges unvorstellbare sexuelle Gewalt und ungerechte Inhaftierung erlitten und sehen sich nun mit Ablehnung in ihren Gemeinschaften konfrontiert.
Wie Women for Women International reagiert:
Seit 2003 unterstützen wir syrische Flüchtlinge im Irak mit ganzheitlichen Programmen, die Frauen helfen, Fähigkeiten aufzubauen, Einkommen zu erzielen und neue Lebensperspektiven zu entwickeln. Seit 2020 arbeiten wir mit Women Now for Development (WND) zusammen, um berufliche Ausbildung innerhalb Syriens anzubieten – in den Randgebieten von Idlib und im Umland von Aleppo. Seit dem Sturz des Assad-Regimes im Jahr 2024 unterstützen wir gemeinsam mit WND Frauen, die aus Foltergefängnissen befreit wurden, durch Fallmanagement, finanzielle Soforthilfe, sichere Unterkünfte, medizinische Versorgung und Traumaberatung.
Ukraine
Fast vier Jahre nach der großangelegten Invasion Russlands in die Ukraine sind mehr als 3,7 Millionen Menschen innerhalb des Landes vertrieben, und über 6,9 Millionen sind als Flüchtlinge ins Ausland geflohen. Frauen und Kinder machen etwa 76 % der Vertriebenen aus und sind einem erhöhten Risiko geschlechtsspezifischer Gewalt, sexueller Ausbeutung und Missbrauchs ausgesetzt. Während des gesamten Krieges wurde sexuelle Gewalt in erschreckendem Ausmaß als Kriegswaffe eingesetzt. Millionen leiden unter psychischen Traumata. Anhaltende Raketenangriffe verursachen weiterhin massive Zerstörung, beeinträchtigen die Gesundheitsversorgung und führen zu gravierenden Engpässen bei Nahrung, Unterkünften und Heizmaterial – besonders im langen, harten Winter.
Wie Women for Women International reagiert:
Wir starteten 2022 eine Nothilfeaktion und arbeiten seither mit Partnern vor Ort zusammen. Derzeit unterstützen wir mobile medizinische Teams, die Frauenüberlebende in ehemals von russischen Truppen besetzten Gebieten erreichen. Die Mitarbeitenden bieten individuelle psychologische Betreuung, Gruppensitzungen und medizinische Behandlungen an – insbesondere gynäkologische und reproduktive Gesundheitsversorgung. Für Frauen, die den Mut finden, sich zu melden, stellen wir zudem Begleitung bei strafrechtlichen Ermittlungen und Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit sexuellen Verbrechen bereit.
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Von Muzna Aljundi, Leiterin des Women-Now-Zentrums in Idlib
Es ist ein Jahr vergangen, seit das Assad-Regime gestürzt wurde. Doch für viele Frauen in Syrien bedeutete der Fall eines Diktators noch längst nicht den Aufstieg zu Freiheit und Gleichberechtigung.
Frauen wurden – genau wie Männer – ohne jeden Grund von Assads brutalem Sicherheitsapparat festgenommen und gefoltert. Als die revolutionären Kämpfer Tausende Menschen aus den Gefängnissen des Regimes befreiten, wurden die männlichen Gefangenen als nationale Helden gefeiert. Für Frauen jedoch sieht die Realität anders aus.
Wann immer eine Frau aus der Haft entlassen wurde, lautete die erste Frage nicht: „Wie geht es dir?“ – sondern: „Hat dich jemand angefasst? Wurdest du sexuell missbraucht?“ In vielen unserer Gemeinschaften sind Scham und Stigmatisierung gegenüber Überlebenden sexualisierter Gewalt so tief verwurzelt, dass sie extreme Reaktionen hervorrufen – und das Trauma der ehemaligen Gefangenen noch verstärken.
Ich kenne Familien, die Frauen nach ihrer Entlassung aus der Haft nicht wieder aufgenommen haben – und andere, die sie zwar aufgenommen haben, sie aber unter Hausarrest stellten. Einige Frauen wurden zur Ehe gezwungen, um die „Schande abzuwaschen“. In vielen Fällen wurden Frauen sogar von ihren eigenen Kindern getrennt. Frauen wurden zudem von beruflichen Möglichkeiten ausgeschlossen – allein deshalb, weil sie von Assad inhaftiert worden waren.
Warum sollte ein Mann die Freiheit dieses neuen Syriens auf eine Weise erleben dürfen, während eine Frau für immer mit dem Stigma der Haft gebrandmarkt wird – für etwas, dessen sie nie schuldig war? Die Wahrheit ist: Unsere Gesellschaft akzeptiert überlebende Frauen einfach nicht.Keine einzige Überlebende, der wir begegnet sind, sagte, dass jemand sie gefragt hätte: „Wie geht es dir jetzt?“ Aber wir tun es. Wir stellen diese Frage.
Women Now for Development arbeitet seit Jahren in Syrien, gemeinsam mit unseren Partnern von Women for Women International, die in Zeiten von Erfolg und Freude ebenso an unserer Seite standen wie in Momenten von Trauer und Krise. Gemeinsam haben wir hunderte überlebende Frauen unterstützt – und tun dies bis heute. Nach Jahren im Untergrund fühlt es sich gut an, nun offen in unseren Zentren in Idlib und Damaskus arbeiten zu können.
Durch unsere Partnerschaft mit Women for Women International helfen wir Überlebenden dabei, ihr Leben nach unvorstellbaren Traumata wieder aufzubauen – mit psychosozialer Unterstützung, wirtschaftlichen Fähigkeiten und Trainings sowie sicheren Räumen für Heilung.
In dem neuen Syrien, das wir gemeinsam aufbauen, hoffe ich von Herzen, dass unsere Gesellschaft das Konzept des Stigmas ablegt – ein Konzept, das weder moralisch noch legitim ist. Ich hoffe außerdem, dass Frauen, die die Grausamkeit des früheren Regimes überlebt haben, mit der neuen Regierung die Möglichkeiten, Arbeitsplätze und Räume erhalten, die ihnen zustehen. Sie sollten aktiv am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, sodass sie – gemeinsam mit allen syrischen Menschen in ihrer Vielfalt – ihre Menschenrechte genießen und in Würde und Sicherheit leben können.
Ich habe mit unseren männlichen Kollegen über das Thema Allies gesprochen – das haben sie gesagt:
Als Organisation mit einem Namen wie Women for Women International mag es überraschen, dass wir weltweit eine Reihe engagierter männlicher Mitarbeiter haben, die an einer gerechteren Zukunft mitarbeiten. Denn auch wenn unsere Mission darauf ausgerichtet ist, die Stimmen und die Kraft von Kriegsüberlebenden Frauen zu stärken, kann der Wandel, den wir anstreben, nicht allein von Frauen geschaffen werden.
Obwohl es nicht unsere Aufgabe sein sollte, patriarchale Barrieren abzubauen, brauchen wir in der Realität die Unterstützung der „anderen Hälfte“. Einige unserer stärksten Verbündeten sind Männer – Männer, die mit uns zusammenarbeiten, patriarchale Normen von innen heraus in Frage stellen und ein anderes Verständnis von Männlichkeit vorleben.
Ein Absolvent des Men’s Engagement Programme (MEP) zu Hause mit seiner Familie in Nigeria. Foto: Botul Osman
Ich sprach mit mehreren unserer männlichen Kollegen – aus dem Irak, Südsudan, der Demokratischen Republik Kongo (DRK) und Großbritannien. Ich fragte sie, was Allyship, also aktive Solidarität, für sie bedeutet, wie ihre Arbeit ihr Verständnis von Geschlechtergerechtigkeit geprägt hat und was sie von den Frauen in ihrem Leben gelernt haben. Was dabei entstand, war nicht nur eine Sammlung von Geschichten, sondern ein Zeugnis für die leise, entschlossene Arbeit und den Wunsch, Dinge zu verändern – sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene.
Viele der Männer, die bei Women for Women International arbeiten, engagieren sich schon lange gegen Ungleichheit. Für Aram, unseren Landesdirektor im Irak, war der Eintritt in die Organisation eine natürliche Fortsetzung seiner bisherigen Arbeit:
„Ich habe mich schon lange für die Beseitigung von Ungleichheiten gegenüber Frauen in einem männlich dominierten, patriarchalen Kontext eingesetzt. Der Beitritt zu dieser Organisation war eine tolle Gelegenheit, dieser Mission direkter zu dienen.“
Moses, Programmmanager im Südsudan, erzählte, wie seine Kindheit als Sohn eines Soldaten seine Sichtweise geprägt hat:
Ich wurde allein von meiner Mutter großgezogen, während mein Vater im Krieg diente. Ich verstehe die Auswirkungen von Konflikten auf Frauen und Mädchen. Deshalb habe ich mich angeschlossen – um den Frauen in unseren Gemeinschaften etwas zurückzugeben.
Moses
Für unsere Kollegen ist Allyship nicht nur eine Geste – sie ist praktisch, prinzipientreu und oft unbequem. Als Mann in einer Frauenrechtsorganisation zu arbeiten, ruft häufig Fragen, Skepsis oder sogar Spott hervor. Viele berichteten von Vorurteilen und eingeschränkten Vorstellungen darüber, wie Männer sich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen dürfen.
Joseph, Wirtschaftsbeauftragter im Südsudan, erzählte:
Einige Männer fragen mich: ‚Was machst du in einer Frauenorganisation? Bist du eine Frau?‘ Andere sagen: ‚Du verdirbst unsere Frauen – jetzt respektieren sie uns nicht mehr.
Joseph
Ein Kurs des Men’s Engagement Programme (MEP) im Südsudan. Foto: Edward Malish
Ein anderer männlicher Mitarbeiter gab zu: „Oft fragen mich Leute, wie ich als Mann bei einer NGO arbeiten kann, die ‚Women‘ gleich zweimal im Namen trägt. Ehrlich gesagt, wurde ich deswegen auch schon etwas gehänselt.“ Auch Laurence, unser Leiter für Marketing und Kommunikationin Großbritannien, berichtete: „Wenn ich anderen Männern erzähle, was ich beruflich mache, sehe ich manchmal eine runzelnde Stirn und höre: ‚Aber du bist doch ein Mann?‘“ Die meiste Kritik, sagt er, konzentriere sich auf das Argument, dass auch Männer leiden, oder auf den Vorwurf, solche Arbeit sei ein übertriebener Ausdruck von „politischer Korrektheit“. „Das führt dann, sagen wir mal, zu einigen interessanten Gesprächen.“
Normen traditioneller Männlichkeit herauszufordern, ist nicht leicht – und es als Mann zu tun, bringt eigene Schwierigkeiten mit sich. Oft führt es dazu, dass die eigene Männlichkeit in Frage gestellt wird. Denn trotz wachsender Aufmerksamkeit wird männliche Verbundenheit noch immer häufig missverstanden.
Gleichheit versus Gerechtigkeit. Bildnachweis: Interaction Institute for Social Change, Angus Maguire
Viele Männer, so unsere Mitarbeiter, sehen Geschlechtergleichheit als Nullsummenspiel – sie glauben, dass die Stärkung von Frauen eine Schwächung der Männer bedeutet.„Manche denken, dass es zu Machtkämpfen führt, wenn Frauen den Männern gleichgestellt sind“, erklärte ein Teammitglied. Aram ergänzte, dass männliche Verbündetenschaft im Irak oft als „westlicher Wert“ gilt, den nur „schwache“ Männer offen unterstützen Laurence sagte: „In Großbritannien sagen viele, sie unterstützen Gleichberechtigung. Aber wenn man dann über Equity spricht – also über die Notwendigkeit, bestehende Ungleichgewichte zuerst auszugleichen –, fühlen sich manche plötzlich angegriffen.“
Für alle unsere männlichen Mitarbeiter hat die Arbeit in einer Frauenrechtsorganisation ihr Verständnis davon, was es heißt, ein Ally zu sein, herausgefordert und weiterentwickelt. Ein Kollege sagte, es bedeute für ihn:
„Zuhören, verstehen und die Stimmen von Frauen verstärken, ohne sie zu übertönen.“
Es geht darum, tief verwurzelte patriarchale Verhaltensmuster zu korrigieren – zuerst bei mir selbst, dann bei anderen. Ich würde nie behaupten, der perfekte Verbündete zu sein, aber ich bin mir meiner Rolle bewusst und versuche, mich an einem höheren Standard zu messen.
Dieses Bewusstsein – dass Allyship kein Ziel, sondern eine tägliche Verpflichtung ist – zog sich durch alle Aussagen, ebenso wie die Erkenntnis, dass toxische Männlichkeit nicht nur Frauen schadet.
Joseph aus dem Südsudan beschrieb:
„Männer werden darauf konditioniert, keine Gefühle zu zeigen und Dominanz als Zeichen von Männlichkeit zu sehen. Die meisten zeigen keine Verletzlichkeit, aus Angst, als schwach zu gelten. Das führt zu Depressionen, Aggression und Stress.“
Laurence reflektierte über die psychische Gesundheitskrise unter Männern, die oft auf diese Kultur des Schweigens zurückzuführen ist:
„Es herrscht die Vorstellung, dass Männer keine Emotionen zeigen oder um Hilfe bitten dürfen. Das isoliert Menschen und schadet Beziehungen. Ich habe das selbst erlebt – und ehrlich gesagt kämpfe ich selbst damit.“
James, unser Direktor für Schutz und Sicherheit, bot eine interessante Perspektive:
Vielleicht ist das unpopulär, aber ich identifiziere mich als ‚Alpha-Mann‘. Doch für mich bedeutet das nie, Dominanz anzustreben. Wahre Stärke liegt darin, diejenigen zu schützen und zu unterstützen, die es brauchen. Toxische Männlichkeit ist für mich ein massiver Ausdruck von Schwäche und Unsicherheit.
James
Er fügte hinzu:
„Ich achte oft bewusst darauf, weiblichen Kolleginnen in patriarchalen Kontexten den Vortritt zu lassen, um Normen herauszufordern. Das macht mich nicht weniger männlich – es bestätigt, wer ich bin.“
Ein MEP-Trainer beim Programm in der DRK. Foto. WfWI
Aber sind diese progressiven Einstellungen ein Ergebnis ihrer Arbeit bei Women for Women International – oder zieht eine solche Organisation Männer an, die diese Werte ohnehin schon teilen? Es scheint eine Mischung aus beidem zu sein. Viele unserer männlichen Mitarbeiter nennen die Frauen in ihrem Leben als prägend für ihr Verständnis von Geschlechtergerechtigkeit.
Pacifique, Sozialarbeiter in der DRK, wuchs in einer Familie mit zwölf Kindern auf. Seine Mutter machte keinen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen bei Aufgaben oder Disziplin:„Wir wurden alle gleich behandelt – und so erziehen wir auch unsere eigenen Kinder.“
Gotau, Ausbilder für wirtschaftliche Stärkung in Nigeria, dankte seiner Mutter und seiner älteren Schwester dafür, dass sie ihm „Widerstandskraft, Entschlossenheit und Engagement“ beigebracht haben.
Wie Pacifique und Gotau erwähnten auch die meisten der über dreißig befragten männlichen Mitarbeiter ihre Mütter als inspirierende Frauen in ihrem Leben. Das bestätigt eine Grundüberzeugung unserer Arbeit: Frauen sind kraftvolle Einflüsse in ihren Familien und Gemeinschaften – und Investitionen in ihr Potenzial haben eine Wellenwirkung des positiven Wandels über Generationen hinweg.
Die Arbeit in einer Frauenrechtsorganisation vertieft – sie bestätigt nicht nur – das Engagement der Männer für eine gerechtere Welt. Laurence etwa gab zu, dass er das Ausmaß sexualisierter Gewalt in Konflikten erst wirklich verstand, als er zu Women for Women International kam:
Die Geschichten der Frauen zu lesen, ihre Wege zu sehen … das erfüllt mich mit tiefem Respekt für ihren Mut und ihre Stärke.
James, nach Jahrzehnten im Sicherheits- und humanitären Bereich, sagte schlicht:
„Alle Vorurteile, die ich über das Leben von Frauen oder die Herausforderungen, denen sie begegnen, hatte, sind längst verschwunden.“
Neben ihren persönlichen Lernreisen führen viele Männer in unseren Länderprogrammen auch aktiv andere Männer an das Thema heran – durch unser Men’s Engagement Programme (MEP), ein zentrales Element unseres Ansatzes für friedlichere, gerechtere Gemeinschaften.
In der DRK und im Südsudan haben unsere Mitarbeiter deutliche Veränderungen beobachtet.
„Männer beginnen, traditionelle Normen in Frage zu stellen“, erzählte Joseph, „entwickeln Empathie und übernehmen gesündere, gewaltfreie Wege, mit ihren Familien umzugehen. Manche geben das Gelernte sogar an Männer weiter, die nicht am Programm teilgenommen haben.“
Doch der Wandel geschieht nicht über Nacht. Aram warnte:
„Einige negative Einstellungen sitzen tief, und es braucht Zeit, bis das neue Bewusstsein und Wissen sich tatsächlich in Verhalten umsetzen.“
Aber selbst kleine Veränderungen – Männer, die beginnen, über schädliche Normen nachzudenken und sie zu hinterfragen – können große gesellschaftliche Auswirkungen haben.
Als wir die Umfrage für diesen Blog verschickten, brauchte es mehrere Erinnerungsrunden, bis genug unserer männlichen Kollegen teilnahmen. Sie waren so auf die eigentliche Arbeit konzentriert, dass sie keine Zeit – oder kein Bedürfnis – hatten, über ihre eigene Rolle darin zu sprechen.
Darin liegt eine wertvolle Lektion: Echter Wandel entsteht nicht durch große Gesten, sondern durch beständige, oft leise Bemühungen, Macht zu teilen, Räume zu öffnen und Verantwortung gemeinsam zu tragen.
Wir sind unseren männlichen Mitarbeitern dankbar – nicht nur für ihr Engagement als Verbündete, sondern auch dafür, dass sie den Maßstab dafür anheben, was aktive solidarität bedeutet.
Erfahre mehr über unser Men's Engagement Programme
Der Sommer ist die perfekte Zeit, um innezuhalten, sich inspirieren zu lassen – und sich mit neuen Perspektiven zu beschäftigen.
In diesem Sinne möchten wir eine besondere Leseliste mit dir teilen: Die Bücher beleuchten die Perspektiven von Autorinnen aus acht konfliktbetroffenen Ländern, in denen wir tätig sind. Tauche ein in Erzählungen, die zum Nachdenken anregen, Gespräche eröffnen und deren Inhalte vom Mut, den Herausforderungen und der Stärke von Frauen in Konfliktregionen berichten.
Unsere Leseempfehlungen für dich:
Der lange Weg zum Wasser – Linda Sue Park (Südsudan)
Der lange Weg zum Wasser von Linda Sue Park
„Ein Schritt nach dem anderen, ein Tag nach dem anderen – nur heute, nur diesen Tag überstehen.“
Zwei Kinder, zwei Perspektiven: Nya geht jeden Tag viele Kilometer, um Wasser zu holen. Salva wird durch den Krieg von seiner Familie getrennt. Basierend auf wahren Begebenheiten erzählt Linda Sue Park vom Überleben im Südsudan – und vom Kampf um Hoffnung und Menschlichkeit.
The Barefoot Woman – Scholastique Mukasonga (Ruanda)
The Barefoot Woman von Scholastique Mukasonga
„Ihre nackten Füße drückten sich tief in das Gedächtnis der Erde.“
In ihren Erinnerungen an ihre Mutter erzählt Scholastique Mukasonga mit eindrucksvoller Wärme und Klarheit von der Widerstandsfähigkeit ruandischer Kultur – mitten im Schrecken des Genozids. The Barefoot Woman ist eine bewegende Hommage an die Stärke der Frauen und an die Traditionen, die eine Gemeinschaft trotz unvorstellbaren Verlusts zusammenhalten – und an das leise Aufblitzen von Hoffnung danach.
Die Hälfte der Sonne – Chimamanda Ngozi Adichie (Nigeria)
Die Hälfte der Sonne von Chimamanda Ngozi Adichie
„Die Welt war still, als wir starben.“
Adichies preisgekrönter Roman spielt während des Biafra-Kriegs in Nigeria und verwebt die Schicksale mehrerer Figuren – gezeichnet von Liebe, Loyalität und den dramatischen Umbrüchen ihrer Zeit. Mit ihrer unverkennbaren Sprache lässt uns Adichie die Auswirkungen von Krieg auf persönliche Identität und gesellschaftliche Normen tief nachempfinden.
„Manche Bedeutungen existieren in uns – aber sie schlafen.“
Im Bagdad der 1990er-Jahre erleben zwei Mädchen Freundschaft und Hoffnung inmitten politischer Unsicherheit. Shahad Al Rawis Erzählung fängt mit viel Feingefühl die alltäglichen Momente ein – und zeigt die Träume und die Stärke junger Iraker*innen, die sich eine bessere Zukunft vorstellen.
The Pearl That Broke Its Shell – Nadia Hashimi (Afghanistan)
The Pearl That Broke Its Shell von Nadia Hashimi
„Der menschliche Geist – weißt du, was man über ihn sagt? Er ist härter als ein Stein und empfindsamer als ein Blütenblatt.“
Zwei Geschichten, zwei Generationen: Rahima und Shekiba wachsen in unterschiedlichen Zeiten auf, aber beide kämpfen im patriarchalen Afghanistan für Selbstbestimmung. Hashimi gewährt einen tiefen Einblick in das Leben afghanischer Frauen – und wie sie sich trotz gesellschaftlicher Zwänge ihren Weg bahnen.
Die Tigerfrau – Téa Obreht (Bosnien und Herzegowina)
Die Tigerfrau von Téa Obreht
„Diese Geschichten verlaufen wie geheime Flüsse durch alle anderen Geschichten seines Lebens.“
Ein junger Arzt im Nachkriegs-Balkan stößt auf die Geheimnisse seines verstorbenen Großvaters – eingebettet in eine Welt aus Mythen und Erinnerung. Obrehts lyrischer Stil verbindet Geschichte und Fantasie zu einem eindrucksvollen Roman über Identität und die Nachwirkungen von Krieg.
Während die Welt schlief – Susan Abulhawa (Palästina)
Während die Welt schlief von Susan Abulhawa
„Wir kommen mit den größten Schätzen zur Welt, die wir je haben werden. Einer davon ist dein Verstand. Der andere dein Herz.“
Abulhawas Roman begleitet vier Generationen einer palästinensischen Familie – geprägt von Flucht, Verlust, aber auch unerschütterlicher Hoffnung. Die eindringliche Sprache macht das Ringen um Zugehörigkeit und Frieden spürbar – eine Geschichte, die heute aktueller ist denn je.
„Sie war das einzige Mädchen im Dorf, das an der Universität eingeschrieben war. Sie wollte keine Kinder, sie wollte nur Bücher. Inmitten der Berge konnte man das nicht sagen, wenn man als Frau geboren wurde.“
Elvira Dones erzählt von Hana, die im albanischen Hochland als „geschworene Jungfrau“ ein männliches Leben führt – um der Ehepflicht zu entgehen und Bildung zu erlangen. Der Roman thematisiert Geschlechterrollen und die Kraft von Frauen, die sich ihr eigenes Leben schaffen – entgegen aller gesellschaftlicher Erwartungen.
Ein Aufruf zum Handeln in Zeiten wachsender Ungleichheit
Während weltweit immer mehr Menschen von Krisen, Gewalt und Perspektivlosigkeit betroffen sind, kürzt die Bundesregierung erneut Mittel für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe. Dabei braucht es gerade jetzt globale Solidarität, um langfristige Lösungen zu schaffen.
Doch wir sind überzeugt: Engagement beginnt bei uns allen. Hier erfährst du, wie du aktiv werden kannst – für Gerechtigkeit, Menschlichkeit und eine gemeinsame Zukunft.
Warum Entwicklungszusammenarbeit zählt
Entwicklungszusammenarbeit schafft langfristige Perspektiven in Krisenregionen. Sie fördert Bildung, Stabilität und Gleichberechtigung – und wirkt Gewalt, Flucht und Armut entgegen.
Besonders Frauen und Mädchen profitieren von Programmen, die auf wirtschaftliche Stärkung, Schutz und politische Teilhabe ausgerichtet sind.
In unserer partizipativen Konsultation „From Asking to Action“ haben über 6.500 Frauen aus 14 von Konflikten betroffenen Ländern (u. a. Afghanistan, Palästina und Ukraine) deutlich gemacht, was sie wirklich brauchen – und was oft fehlt:
96 % erleben Gewalt, 71 % davon in Partnerschaften.
In Afghanistan erhalten nur 10 %, in Palästina 18 % der befragten Frauen humanitäre Unterstützung.
In der Ukraine sehen sich 41 % mit einer Verschlechterung ihrer Lage konfrontiert. Und trotzdem: 81 % der befragten Frauen blicken hoffnungsvoll in die Zukunft.
Ihre Stimmen sind klar:
„Wir müssen Teil der Lösung sein. Wir wissen besser als jeder andere, was wir brauchen.”
— Teilnehmerin aus der Ukraine
„Meine Botschaft an die Staats- und Regierungschefs lautet, die Anstrengungen zur Unterstützung von Frauen, die von Kriegen betroffen sind, zu verstärken und die Verbreitung des Friedens in der ganzen Welt zu gewährleisten.“ — Teilnehmerin aus dem Irak
Diese Ergebnisse zeigen: Entwicklungszusammenarbeit darf nicht abstrakt bleiben. Sie muss auf die Stimmen und Bedürfnisse der Menschen hören – besonders auf die der Frauen in den am stärksten betroffenen Regionen. Und genau deshalb braucht es verlässliche Finanzierung, langfristige Partnerschaften – und politische Entschlossenheit.
Der geplante Bundeshaushalt sieht massive Einsparungen vor – auf Kosten derjenigen, die am stärksten von globalen Krisen betroffen sind, die sie selbst am allerwenigsten verursacht haben.
Deutschland verfehlt erstmals seit Jahren das 0,7 %-Ziel für ODA-Mittel – ein Bruch internationaler Verpflichtungen. Damit reiht sich Deutschland in eine Liste von Ländern ein, die systematisch ihre Selbstverpflichtungen ignorieren, was das internationale Vertrauen untergräbt und die politische Aussagekraft von Nachhaltigkeitszielen schwächt.
Kürzungen gefährden den Zugang zu Bildung, Schutz und existenzieller Unterstützung – und konterkarieren die Wirkung bereits begonnener Projekte. Speziell gefährdet sind Programme zur Förderung von Frauenrechten: Zum Beispiel drohen Kürzungen um 7,5 Mio. € bei UNFPA und 4,5 Mio. € bei IPPF – Organisationen, die entscheidend für reproduktive Rechte und Gewaltprävention sind (Quelle: DSW).
Diese Maßnahmen senden ein fatales Signal: In einer Welt, in der Unterstützung für Frauenrechte, Klimagerechtigkeit und globale Sicherheit dringend gebraucht wird, stellt Deutschland seine Werte und internationales Ansehen aufs Spiel.
Was du tun kannst – dein Toolkit für Veränderung
1. Informiere dich.
Wissen ist der erste Schritt zum Handeln. Lies unseren Beitrag zur Lage der Entwicklungszusammenarbeit und lerne mehr über die Lebensrealität und Forderungen von Frauen in Krisenregionen in unserer From Asking to Action-Konsultation.
2. Teile dein Wissen.
Sprich über die Kürzungen und die Relevanz globaler Solidarität. Teile diesen Blogpost, poste auf Social Media oder leite unsere Artikel an Freund*innen und Kolleg*innen weiter. Aufmerksamkeit ist politisch.
3. Vernetze dich mit uns.
Folge uns auf Social Media und abonniere unseren Newsletter. So bleibst du informiert und kannst dich bei Aktionen direkt beteiligen.
Engagiere dich im Alltag – ob im Familienkreis, am Arbeitsplatz oder im Ehrenamt. Bleibe offen, solidarisch und such das Gespräch. Eine gerechte Welt braucht Dialog, Brückenbauer*innen und mutige Stimmen, die nicht wegsehen.
Dein Engagement zählt.
Jede Stimme, jede Spende, jedes Gespräch kann etwas bewegen. Wo andere den Rotstift ansetzen, setzen wir ein Zeichen.
Du willst noch mehr bewirken?
Dann unterstütze unsere Arbeit direkt mit einer Spende – jeder Beitrag zählt. Gemeinsam können wir fest an der Seite konfliktbetroffener Frauen stehen. #StandWithHer
Wir danken der Deutschen Postcode Lotterie für die Förderung unserer Programme für Frauen und Mädchen in Krisenregionen.
Familien haben Angst um ihre Töchter. Manche schicken ihre Mädchen gar nicht mehr zur Schule. Viele Frauen haben ihre Arbeit aufgegeben – oder mussten es – nur um es zu vermeiden, einen Checkpoint zu überqueren.
Bei Women for Women International machen wir es uns zur Aufgabe, die Stimmen von Frauen, die nicht nur den harten Realitäten von Krieg und Vertreibung ausgesetzt sind, sondern täglich dafür kämpfen, andere zu schützen, zu unterstützen und zu stärken.
Als leitende Kommunikationsbeauftragte bei Women for Women International hatte ich kürzlich die Ehre, mit zwei solcher Frauen in Palästina zu sprechen. Wir arbeiten dort mit lokalen Organisationen zusammen, um palästinensische Frauen zu unterstützen, die von Konflikten und Vertreibung betroffen sind – durch Unterkünfte, Notfallhilfe und Schutzmaßnahmen.
„Selbst im Krieg müssen wir einander schützen“
Tahani, Koordinatorin für Schutzräume beim Center for Women’s Legal Research, Counseling and Protection (CWLRCP), Gaza
Frauen sind verschiedenen Formen von Gewalt ausgesetzt. Es gibt die ständige Bedrohung durch Hunger und Krieg, die jede Form von Gewalt – insbesondere geschlechtsspezifische Gewalt – verschärft. Viele Frauen haben überhaupt kein Obdach. Sie leben auf der Straße oder in Zelten, die nicht einmal das Nötigste bieten. Die Lasten, die wir als Frauen und Mädchen tragen, sind immens. Wir sind nicht nur für Essen, Wasser und Kleidung verantwortlich, sondern auch für die Fürsorge anderer. Wir versuchen, den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden – während unsere eigenen unerfüllt bleiben.
Die psychische Belastung ist verheerend. Unsere Körper spüren sie. Unsere Gesundheit leidet. Und die Verwundbarsten unter uns – die Frauen – trifft es am härtesten.
Viele sind sexueller Gewalt ausgesetzt, sogar im Austausch gegen Hilfe oder Versorgungsgüter. Es gibt keine sicheren Orte. Binnenvertriebene Frauen erleben jede Form von Gewalt – ohne Familie in der Nähe, ohne Polizei, ohne Schutzorganisationen, an die sie sich wenden könnten.
Gruppentherapie für Überlebende sexualisierter Gewalt. Credit: CWLRCP
Früher konnten wir Vergewaltigung, Belästigung und Missbrauch bei speziellen Schutzzentren melden. Heute gibt es keine offiziellen Statistiken mehr – aber wir sehen mit eigenen Augen, wie es schlimmer wird. Unsere Fachkräfte in Schutzräumen und Lagern hören in psychosozialen Sitzungen immer wieder dieselbe Bitte von Frauen: „Hört uns zu.“ Sie berichten von Belästigung, Schlägen, tiefem seelischem Trauma – aber es gibt niemanden, dem sie vertrauen können.
Wir haben zahlreiche Fälle dokumentiert – Belästigung, Vergewaltigung, Missbrauch – in manchen Fällen endete es tödlich. Und es betrifft nicht nur erwachsene Frauen. Mädchen im Alter von nur 13 Jahren haben bei uns Zuflucht gesucht – Überlebende sexueller Gewalt.
Aktivitäten für die Programmteilnehmerinnen des CWLRCP. Credit: CWLRCP
Und trotzdem weigern wir uns zu verschwinden. Wir haben unsere Zentren wiedereröffnet, selbst nachdem sie geschlossen oder niedergebrannt wurden. Wir haben sichere Orte in Geflüchtetenlagern und in Gaza geschaffen und Psychologinnen, Anwältinnen und Sozialarbeiterinnen entsandt. Wir bieten nicht nur rechtliche Hilfe und psychologische Unterstützung, sondern auch Notfallhilfe und Hygienesets. All das ist unter Kriegsbedingungen extrem schwierig – fast unmöglich. Aber wir wissen: Unsere Anwesenheit ist lebenswichtig.
Einige Frauen brauchen einfach Hilfe beim täglichen Überleben – um Gefahren vorzubeugen, bevor sie eskalieren. Wir arbeiten mit ihnen, vermitteln Fähigkeiten, bauen Resilienz auf. Jeder Mensch hat das Recht auf ein würdiges Leben – auch im Krieg.
Wir begleiten Frauen durch ihr Trauma, unterstützen sie dabei, Depressionen zu bewältigen und ihre Stärke zurückzugewinnen. Unsere Zelte sind sichere Räume, in denen sie weinen, sprechen oder einfach schweigen können. Doch je heftiger der Krieg tobt, desto mehr dieser Räume verschwinden. Lager werden zerstört. Familien erneut vertrieben. Einige leben nun auf der Straße – ohne alles. Kein Zelt, keine Sicherheit, kein Schutz.
Und trotzdem bleiben wir.
„Sie verletzen unsere Körper im Namen der Sicherheit“
Maisoon, Journalistin, feministische Aktivistin und Leiterin der Women’s Activity Association, Hebron
Ich lebe und arbeite in Hebron und sehe täglich, was palästinensische Frauen durchmachen – besonders an Checkpoints und in Gebieten, die ständig dem Druck durch Siedler ausgesetzt sind. Diese Orte sind immer angespannt, immer gefährlich. Die Übergriffe sind unaufhörlich – und die Frauen tragen die Hauptlast.
Wann immer eine Soldatin anwesend ist, werden wir körperlich durchsucht. Aber wenn keine da ist – was häufig vorkommt – werden Frauen trotzdem durchsucht, und die Übergriffe sind dann noch schwerwiegender. Besonders betroffen sind Orte wie die Shuhada-Straße, Tel Rumeida und die Altstadt von Hebron. Diese Zonen sind abgesperrt. Um irgendwohin zu gelangen, müssen wir Checkpoints passieren.
Frauen werden stundenlang bei extremer Hitze oder Kälte festgehalten. Manche tragen Babys, andere haben ihre Periode – und trotzdem müssen sie warten, werden erniedrigt. Es gibt keine Rechtfertigung.
Selbst wenn wir zur Arbeit, zur Universität oder zu einem Arzttermin wollen, werden wir aufgehalten – einfach, weil sie es können.
Und es geht nicht nur um körperliche Durchsuchungen. Die Geräte, mit denen unsere Körper gescannt werden, werden manchmal als Instrumente sexueller Belästigung eingesetzt. Dieses lange Gerät, das piept? Es wird absichtlich gegen unsere Körper gedrückt. Sie demütigen uns mit ihren Worten. Sie nehmen uns unsere Würde. Sie befehlen uns, die Hände zu heben, unsere Kleidung auszuziehen. Angst wird zur Waffe gemacht.
Diese Zeugnisse sind nicht nur Berichte über erlebtes Trauma – sie sind auch Zeugnisse von Stärke.
Tahani und Maisoon zeigen, dass Frauen selbst unter extremsten Bedingungen Wege finden, zu schützen, zu führen und zu heilen.
Es hat gewirkt. Frauen haben Angst. Familien fürchten um ihre Töchter. Manche schicken ihre Mädchen nicht mehr zur Schule. Andere nehmen sie von der Universität. Viele Frauen haben ihre Arbeit aufgegeben – oder wurden dazu gezwungen –, nur um den Checkpoints aus dem Weg zu gehen.
Ich kenne Mädchen, die stundenlang über unsichere Schleichwege laufen – nur um den Soldaten und der Belästigung zu entgehen. Wir werden isoliert – langsam und systematisch. Uns werden täglich Chancen genommen. Unsere Würde wird uns genommen – im Namen der „Sicherheit“.
Aber wir durchschauen das: Es ist eine gewalttätige, systematische Politik, die uns kontrollieren und brechen soll.
Und trotzdem leisten wir Widerstand. Wir sprechen. Wir organisieren uns. Wir unterstützen einander. So überleben wir.
Diese Zeugnisse sind nicht nur Berichte über Leid – sie sind Berichte über Macht. Tahani und Maisoon erinnern uns daran, dass Frauen selbst im Angesicht größter Gefahr Wege finden, zu schützen, zu führen und zu heilen.
An diesem Tag – und an jedem anderen – stehen wir an der Seite von Frauen in Konfliktgebieten, die den Mut haben, ihre Stimme zu nutzen.
Hilf uns, Frauen weltweit zu ermöglichen, sicher und selbstbestimmt zu leben.
Hilf einer Frau, ihr Leben nach Krieg und Konflikt neu aufzubauen. Wenn du Teil von Stand With Her wirst, wirst du mit einer Frau aus unserem Programm verbunden. Deine großzügige Unterstützung bietet ihr:
Einen monatlichen Zuschuss für grundlegende Bedürfnisse
Schulungen zu Handels- und Geschäftsfähigkeiten
Informationen darüber, wie sie ihre Rechte wahrnehmen kann
Eine Schwesternschaft für Heilung und Unterstützung